Mein schönstes Lauferlebnis oder: wie ich zum Ultraläufer wurde

Letztes Wochenende fand der 24h-Lauf aus Anlass des 100-jährigen Jubiläums meines Vereins, des TuS Fleestedt, statt. Im Vorfeld hatte ich keinen blassen Schimmer, was ich wohl dabei zu leisten imstande wäre, und wie es ist, wenn man stundenlang im Kreis läuft. Unglaubliches hat sich ereignet…

Das Reglement sah vor, dass alle kompletten Runden gewertet wurden, die man innerhalb von 24 Stunden gelaufen irgendwie (natürlich ohne Hilfsmittel) absolvierte. Die Rundenlänge betrug 1,6994 km. Unser Lauftreff hatte inkl. Verstärkung aus dem Verein eine Staffel mit 10 Läufern gemeldet. Hierbei musste der Staffelstab über die gesamte Dauer von 24 Stunden auf der Strecke sein. Der Stab wurde quasi mit eigener Startnummer gewertet. Da man selbst auch mittels Chip am Schuh gemessen wurde, zählten auch alle Staffelrunden zusätzlich für die Einzelwertung.

Los ging es am Samstag um 15:00h bei bestem Wetter. Das erste Mal seit Wochen strahlender Sonnenschein und Temperaturen über 25 Grad. Nicht unbedingt mein Lieblingslaufwetter aber alle mal besser als Regen und Kälte. Ich war für die Zeit 19:00-21:00h sowie in der Nacht von 04:00-05:00h eingeteilt. Meine Überlegungen waren dahingehend, dass ich ja in der Marathonvorbereitung auch schon Samstags etwa 15 km und Sonntags 35 km gelaufen war: 50 km müsste n also innerhalb von 24 Stunden eigentlich machbar sein. Da ich die Staffel nicht dadurch schwächen wollte, dass ich bereits Samstag hoffnungslos überziehe, war mein Plan, auch erst um 19:00h einzusteigen und ab 05:00h, also wenn meine Staffelpflicht geleistet war, mal zu sehen, was noch so geht.

Die Veranstaltung begann also sozusagen ohne mich. Bereits nach kurzer Zeit merkte ich aber, dass ich das nicht durchhalten würde, einfach vier Stunden nur rumzusitzen, ohne auch nur eine Runde mitzulaufen. Zum Glück ging es unserem Lauftreff-Trainer Stefan genauso, so dass wir gemeinsam drei Runden, etwa 30 Minuten, absolvierten. So übernahm ich den Staffelstab um kurz vor Sieben von Georg, mit 73 Jahren der älteste unserer Staffel (aber immer noch in der Lage, die 10km deutlich unter 60 Minuten zu laufen). Die Strecke ging zunächst in den Wald, stieg zunächst 22 Höhenmeter an (was viele verfluchten), um dann bergab durch den Wald ins Dorf zu führen, wo man auf ruhigen Seitenstraßen locker wieder in Richtung Ziel lief. Auf dem Sportplatz lief man eine kleine Schleife, in der auch Start und Ziel untergebracht waren.

Was mir sehr gut gefiel (und auch extrem zum Erfolg eines solchen Events beiträgt), war die Möglichkeit, jederzeit am Rundenende ein- und auszusteigen. Auch wenn man nur mal 10 Minuten Pause machen wollte: kein Problem. Über eine Monitoranzeige war man nach jeder absolvierten Runde sofort informiert, wie viele Runden man nun schon gesammelt hatte, was das in Kilometern bedeutete, welchen Platz man in der Gesamtwertung sowie in der Altersklasse erreicht hatte, sowie welche Zeit man für die letzte Runde benötigt hat. Toller Service, zumal ich schon nach der zweiten Runde nicht mehr wusste, wie viele Runden ich denn nun insgesamt gelaufen war.

Ich lief also meine zwei Stunden locker, immer mit einem Schnitt von etwa 6:00 min./km und schaffte so auch exakt 12 Runden, knapp über 20 km. Nachdem ich den Staffelstab übergeben hatte, hing ich noch eine Runde gehend dran, um dann doch recht müde, erstmal aufzuhören. Zusammen mit den 3 Runden vom Nachmittag hatte ich also insgesamt 16 Runden auf dem Zettel. Wie geplant aß ich noch etwas (lecker Nudeln mit Bolognaise-Sauce), quatschte noch ein wenig mit anderen Läufern (was man im Übrigen auch prima auf der Strecke tun konnte), und fuhr wie geplant nach Hause, um da in Ruhe zu duschen und vor allem in Ruhe zu schlafen :-)

Natürlich war ich viel zu aufgewühlt, als das ich länger als zwei Stunden geschlafen hätte. Entsprechend müde ging ich kurz vor 4:00h auf die Strecke. Was mich da schon sehr irritierte, war folgendes: viele Kinder, Jugendliche und untrainierte Erwachsene hatten zu diesem Zeitpunkt schon mehr Runden auf der Uhr als ich. Alleine durch Gehen, Walken, locker laufen, traben hatte man einfach mit der Zeit Runde um Runde gesammelt. Da müsste doch auch für mich einiges drin sein! Ich beschloss, zunächst die Stunde für die Staffel zu laufen, und dann noch mindestens eine weitere Stunde dranzuhängen. Und so kam es. Erneut schaffte ich so 12 weitere Runden, und hatte mein erstes Ziel erreicht: ich war insgesamt mehr als einen Marathon unterwegs gewesen. Da morgens um 6:00h auf dem Veranstaltungsgelände noch nichts los war, beschloss ich, noch bis kurz vor Sieben durchzulaufen, um dann das Frühstück, was es ab 7:00h geben sollte, einzunehmen. Gesagt, getan. Teilweise gehend, meist laufend, absolvierte ich Runde um Runde. Mein Ziel war längst, auf 60 Kilometer zu kommen. Ich lief gemütlich weiter, stellte fest, dass sich auch um 7:00h nichts auf dem Gelände regte und beendete somit erst gegen 7:30h meinen Frühmorgenslauf.  Dann erfuhr ich, dass das Frühstück erst für 8:00h geplant war, und dachte mir „na dann kannste ja nochmal laufen“. So kam ich, als ich die Frühstückspause einlegte, bereits auf über 55 Kilometer.

Nach einer Verdauungspause von knapp 90 Minuten, ging ich kurz vor 10 wieder auf die Strecke. Ein paar Runden später, stand die 6 vorne auf dem Monitor. Ich hatte in der Tat über 60 Kilometer geschafft. Erstaunlicherweise tat mir nichts weh. Sicher, die Beine waren müde, die Füße brannten etwas (jetzt hatte ich das zweite Mal die Schuhe gewechselt, was vermutlich eine gute Idee war), aber außer meinen üblichen Nackenschmerzen durch die bescheuerte Armhaltung war nichts zu spüren. Ich hatte ein neues Ziel: ich wollte am Sonntag mehr als einen Marathon schaffen, also inklusive der 27 km vom Samstag auf insgesamt 69,4 Kilometer kom… Neunundsechzigkommavier? Na klar, das neue Ziel kann dann nur 70 Kilometer lauten. Was soll ich sagen. Ich lief und lief und lief, dann ging ich mal wieder eine Runde (seit ich mit der Staffel durch war, ging ich den Anstieg zu Beginn – wie die meisten anderen übrigens auch). So hatte ich also seit 4 Uhr nachts die Marathonstrecke hinter mich gebracht. Lange schon war nun klar, dass ich derjenige aus unserer Staffel mit den meisten Runden sein würde. Nicht vom Verein, denn es gab in der Tat noch zwei Jugendliche (!), die mehr Runden gesammelt hatten.

Naja, was dann folgte, ist klar: nach der 70er Marke lief ich weiter. Ich lief und lief und fühlte mich (größtenteils) großartig. Interessant war dabei, sich selbst zu beobachten. Die Tatsache, dass ich den Anstieg zu Beginn jeder Runde jedes Mal ging, führte ja unweigerlich dazu, dass ich danach wieder anlaufen musste. Genau an dieser Stelle fiel somit auch immer die Entscheidung, ob ich eine Runde durchging oder nicht… Und ich konnte es mittlerweile selbst kaum fassen, wie oft es mir gelang, wieder durchzulaufen und so Runde um Runde zu sammeln. Als dann noch vom Streckenrand der Zuruf kam „das sieht aber noch locker aus!“ schwappten die Endorphine endgültig über. Zwischenzeitlich erfuhr ich von Gunla Eberle, die Mitglied im 100-Marathon-Club ist, dass sich jeder, der bei einer Veranstaltung mehr als einen Marathon gelaufen ist, Ultraläufer nennen darf. Ich bin Ultra. :-) Gunla ist übrigens wie alle anderen „schon-länger-Ultras“, die ich kennenlernen durfte, total nett, und ziemlich entspannt. Eine tolle Gemeinschaft, zu der ich mich jetzt auch – zumindest ein bisschen – zählen darf.

Ach ja, natürlich habe ich dann auch noch die 80 Kilometer noch voll gemacht, bin dabei einen der letzten Kilometer noch in 6:19 min. gelaufen, und hätte durchaus nach Zielschluss noch gekonnt. Völlig bekloppt (das deckt sich übrigens auch mit der Meinung meiner geschätzten Gattin über dieses gesamte Event, nahezu alle Teilnehmer, und mich im Besonderen). Natürlich habe ich dann auch nicht um 14:45h einfach aufgehört, sondern bin eine weitere Runde mit Dirk aus der Staffel gegangen (ins Ziel sind wir natürlich gelaufen). Am Ende standen also unglaublich 49 Runden oder 83,271 km hinter meinem Namen, was den 26. Platz insgesamt bedeutete und Platz 12 in meiner Altersklasse (womit man auch mal wieder sieht, was in meiner AK bei solchen Veranstaltungen los ist – in der AK 30 wäre ich Zweiter geworden…).

Ach ja, Verpflegung habe ich nach fast jeder Runde in Anspruch genommen. Ganz quer Beet, mal Wasser, mal Eistee, mal Zitronentee, mal Apfelschorle, mal Cola, ein paar Gummibärchen, Salzstangen, Nutellabrot, Banane, Apfel, was da gerade so rumlag… Ich habe alles gut vertragen, die Flüssigkeiten haben mir ab und an Seitenstechen verursacht, aber das ging auch schnell wieder vorbei. Bei den Temperaturen (nachts um 4:00h waren es schon 16°, später an die 25°, Samstags sogar noch drüber) war es mir aber wichtig, ständig Flüssigkeit zuzuführen.

Gehen fiel mir gestern immer nur am Anfang schwer, nach ein paar Metern ging’s dann. Blessuren habe ich keine überbehalten. Heute, am Dienstag, lassen die Endorphine langsam nach, und ich starre immer noch fassungslos auf die mittlerweile ausgewerteten Zahlen meines Forerunners, der mir übrigens auf der allerletzten Runde (!) mitteilte, dass der Akku schwach sei, und ich jetzt doch bitte aufhören sollte. Gut, dass ich ihn Samstag auf Sonntag Nacht noch aufgeladen hatte!

Meine Statistik des Wochenendes:
Tag 1: 16 Runden à 1,6994 km = 27,190 km, Laufzeit 2:51:19, km-Schnitt 6:18 min.
Tag 2: 33 Runden à 1,6994 km = 56,080 km, Laufzeit 6:59:09, km-Schnitt 7:28 min.
Gesamt: 49 Runden à 1,6994 km = 83,271 km, Laufzeit 9:50,28, km-Schnitt 7:05 min.

Die Gesamtergebnisse gibt’s auf der TuS Fleestedt Homepage (Link hier auf der Seite).

Ich bin Ultra.

6 Gedanken zu „Mein schönstes Lauferlebnis oder: wie ich zum Ultraläufer wurde“

  1. Moin,

    wie schriebst du neulich so schön: Tempo passt, Distanz noch nicht. Mag es sein, dass du manchmal etwas vorsichtig bist? Traust dir keinen Marathon zu, läufst aber gleich 2 in 24h?
    Meinen Glückwunsch & eine tiefe Verbeugung ! Schön gelaufen!
    Klasse das du ohne größere Probleme durchgekommen bist, das gesundheitlich alles im Lot ist – und auch Glückwunsch zu Platz 2. in der AK 30 😉 Da sieht man mal das die Jugend heute auch nicht mehr das ist ….
    Viel spaß beim Ausruhen, Lutz

    1. Jaja Lutz… Ich weiß. Du hast ja so recht. Ich habe das gleich mal in einem Blogeintrag verarbeitet.
      Danke für Deine Glückwünsche. Ich wette, wenn Du mitgelaufen wärst, Du hättest sicherlich auch 49 Runden auf der Uhr gehabt (und wärst genauso erstaunt gewesen wie ich) 😀

  2. Was les‘ ich?! -> „83,271 km, Laufzeit 9:50,28, km-Schnitt 7:05 min.“ *umfall*

    Wahnsinn! Glückwunsch dazu und *sich wiederaufrappeln verneigend*

    Davon erhol‘ dich erstmal, gell.

    1. Danke Lizzy! Trotzdem ist es noch ein weiter Weg bis ich da bin, wo Du schon warst… Erfahrung ist durch nichts zu ersetzen, das hat mir auch dieser Lauf wieder gezeigt. Erst jetzt kann ich entspannt auf lange Strecken gehen, ein 35er darf mich nicht mehr abschrecken. Dumm nur, dass ich bei meinem nächsten 24h Lauf mit 100%iger Sicherheit die 100 km-Marke anpeilen muss…

  3. äh – ich war noch NIE auch nur annähernd bei 83 km in 24 Stunden – und werde da vermutlich auch nie hinkommen.

    Vergleichen ist eh doof (käm‘ ich meist viel zu schlecht bei weg 😉 und wir sind eben alle anders toll!

    Nicht vergessen: ordentlich regenerieren, gell *s*

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