Schöne Erlebnisse – der Wilhelmsburger Insellauf

Wilhelmsburg hat keinen guten Ruf. Kriminalität, Auslä…äääh Migranten, häßliche Wohnblocks, Arbeitslosigkeit – ein Ghetto-Image. Daran (am Image) wird gearbeitet: erst kürzlich wurde Wilhelmsburg aus dem Bezirk Harburg („alles südlich der Elbe“) dem Bezirk Hamburg-Mitte zugeschlagen. Damit wollte der Senat ein Zeichen setzen, dass Wilhemsburg näher an die City heranrückt. Wenn man dann beim Start des Wilhelmsburger Insellaufs hört, dass Wilhemsburg die größte Binneninsel Europas und die zweitgrößte der Welt sei (nach Manhattan), fällt es einem schwer, sich vorzustellen, wie diese Insel an Hamburg heranrücken soll…

Ok, ich weiß. Das ist eine Metapher. Als Teilnehmer des Wilhelmsburger Insellaufs soll man aber auch unter anderem sehen, wie schön Wilhelmsburg sein kann. Ohne viel vorweg zu nehmen: das ist mehr als gelungen!

Ich freute mich schon darauf, meinen RW-Freund Lutz dort zu treffen. Beim Lauftreff letzten Dienstag hatte sich dann Markus noch angekündigt, den ich Sonntag morgen um 8:00h abholen wollte. Lutz hat leider ein paar Tage vor dem Wettkampf dann doch abgesagt, Zerrung beim Tempotraining…

Die Wettervorhersage kündigte 18° und Sonne an, wobei ich keine Aussage darüber finden konnte, wie warm es wohl schon morgens um 9:30 beim Start und gegen 11:30 im Ziel sein würde. Also habe ich am Vortag bereits meine kurze Hose eingepackt, ein kurzes Shirt und eine Jacke für die Wartezeit. Als ich dann Sonntag morgen um 7:15h aufstand, war ich doch sehr überrascht: 2,5° zeigte das Thermometer an. Eine gewisse Lähmung überfiel mich. Darauf war ich nun gar nicht eingestellt. Gehirn einschalten. Gut, funktioniert. Nicht perfekt, aber geht. Ich schnappe mir eine andere Jacke (eben eine zum Laufen), ziehe eine lange Hose statt der kurzen an, packe noch ein Langarmshirt ein und das Schlauchtuch, das ich beim Ratzeburger Adventslauf bekommen hatte. Letzteres sollte mir als Halswärmer vor dem Start gute Dienste leisten, um dann den Lauf seitlich in meine Hose gestopft zu verbringen.

Punkt 8:00h stehe ich bei Markus vor der Tür, der mich verschlafen und ohne Laufsachen begrüßt: „ich laufe nicht mit, hab ’ne Erkältung. Das bringt nichts!“. Dann also alleine. Ist irgendwie langweilig, besonders in der Zeit vor der Start. Hochnebel verhindert nach wie vor, dass die Sonne durchkommt. Die Temperaturen bleiben hartnäckig bei 3° C.

Die Parkplatzsituation sollte schwierig werden, daher nutze ich einen Parkplatz ein paar hundert Meter vor dem Sportplatz. Da würde ich nach dem Lauf auch wieder gut wegkommen. Um halb neun sitze ich dann in der Cafeteria des Veranstaltungszentrums, trinke einen Kaffee, esse den obligatorischen Power-Riegel und warte. Und warte. Start war 9:30. Da es draußen noch recht frisch ist, will ich erstmal sitzenbleiben und dann um 9:00 h mein kurzes Shirt gegen das leichte Langarmshirt tauschen. Dann noch meine Tasche abgeben und danach nochmal auf’s Klo und Einlaufen. Diesen Plan muss ich aber über Bord werfen, denn als ich bei der Kleiderbeutelabgabe ankomme, ist da eine Schlange von etwa 40 Leuten. Das darf nicht wahr sein. Da sitzt man eine halbe Stunde blöd rum, um dann doch noch unter Zeitdruck zu kommen… Ok. Plan B. Mein Auto steht ja nicht weit weg. Shirt wechseln, Rucksack schultern, ab zum Auto. Rucksack verstauen. Wieder zurück. Jetzt also Klo. Aber: vor dem Klo eine ähnliche Schlange. Zehn nach Neun. So ein Mist. Naja, Du bist ja ein Junge… Und wie das halt so ist: bei der Suche nach einer geschützten Stelle zum Pieschern finde ich doch tatsächlich vier Dixi-Klos, vor denen gerade mal drei Leutchen warten! So schaffe ich es dann doch noch, um 9:15h die Aschenbahn zum Einlaufen zu betreten. Bei den Temperaturen habe ich aber keine Lust, rumzustehen und laufe mich daher gründlich und schön langsam ein…

Der Start, pünktlich um 9:30h verläuft unspektakulär (bis auf die Tatsache, dass endlich mal wieder ein Volkslauf angeschossen wird) und etwa 400 Läufer machen sich auf den Weg. Die Strecke verläuft zunächst an den Häuserblocks vorbei, um dann schnell Richtung Elbdeich abzubiegen. Dabei ist es in der Tat so, dass man an Schafherden vorbeiläuft („kuck mal Dolly, eine Menschenherde! Wovor laufen die denn wohl weg?“), an wunderschönen alten reetgedeckten Fachwerkhäusern, an liebevoll gepflegten Klein- und Vorgärten, aber eben auch durch eher heruntergekommene Wohngebiete und vorbei an riesigen Siebziger-Jahre-Häuserblocks. Die Strecke ist extrem flach, „nennenswerte“ Steigungen sind meist Brücken und daher recht schnell vorbei.

Ich habe mir vorgenommen, in einem Tempo um 5 Minuten pro Kilometer loszulaufen, und dann mal zu sehen, was geht. Recht schnell wird mir klar: dieses Tempo fällt mir heute nicht wirklich schwer. Ich kann den Schnitt auf den ersten Kilometern knapp unter 5 Minuten halten, und habe ein wirklich gutes Gefühl. Bei km 6 ist das Feld schon wie eine Perlenschnur auseinandergezogen, Positionswechsel werden seltener. Ich hänge mich an zwei Läufer dran, und lasse mich für etwa 2 km mitziehen. Immer noch um die 5 Minuten. Wie das oft so ist, wenn man hinter jemandem herläuft: so 100%-ig passt das nie mit dem Tempo. Entweder man überpaced ohne es wirklich zu merken oder man läuft langsamer als man könnte. Letzteres stelle ich fest, denn meine Beine wollen etwas schneller; also ziehe ich an und vorbei. Jetzt läuft es richtig gut und die Durchgangszeit bei km 10 ist 49:35, was meiner Bestzeit auf 10 km entspricht. Wieder einmal werde ich daran erinnert, dass „meine 10er Bestzeit nicht zu meiner HM-Bestzeit passt“.

Nun laufe ich mit etwa 4:50 min./km und fühle mich super. Ich bekomme aber auch etwas Angst, dass sich das rächen könnte und nehme wieder Tempo raus. Die Wasserstelle bei km 5 hatte ich ausgelassen, bei km 13 nehme ich zwei kleine Schlucke ohne zu gehen. Das muss ich beim Marathon anders machen, sonst ist das zu wenig Flüssigkeit. Hier ist das aber egal, aufgrund der nach wie vor niedrigen Temperaturen schwitze ich nicht übermäßig; der Flüssigkeitsverlust hält sich in Grenzen. Ich fühle mich zwar gut, stopfe mir aber trotzdem einen Gelchip in den Mund, man kann ja nie wissen, ob der Hammermann noch um die Ecke kommt. Bei km 17 nehme ich daher auch noch ein paar Schluck Wasser, obwohl ich eigentlich keinen Durst habe. Die km-Markierungen stehen in teilweise recht abenteuerlichen Abständen, aber durch meinen Forerunner weiß ich, dass ich nach wie vor unter 5:00 min./km liege. Das Schild mit der Aufschrift „18 km“ veranlasst mich dazu, darüber nachzudenken, warum es sich jetzt wie „NUR noch 3“ anfühlt. Die letzten Kilometer ziehen sich ja wie Kaugummi, aber bei km 18 fängt für mich aus irgendwelchen Gründen die Schlussphase an. Ich rechne herum, wie wohl meine Endzeit aussehen wird. Das beschäftigt mich beim Laufen und lässt mich nicht über schwindende Kräfte und sowas nachdenken. Eine niedrige 1:45h scheint drin zu sein. Vor mir fängt einer an zu gehen. Neeee, ich nicht. Gehen ist keine Option! Dem kurzen Reflex, ich könne es dem Kollegen nachmachen, widerstehe ich.

Kurz vor dem Ziel gibt es nochmal eine Steigung, man läuft am S-Bahnhof Wilhelmsburg auf die Fußgängerbrücke über die Bahn. Da hier S-Bahn und Fernbahn nebeneinander liegen (Google Earth enthüllt hier 14 Gleise nebeneinander) zieht sich das doch etwas. Dafür geht es dann erstens auf der anderen Seite wieder runter (sic!) und zweitens ist es nun wirklich nicht mehr weit. Ich ziehe meinen Endspurt an, überhole auf der Zielgerade noch einen Läufer und laufe ins Ziel. Die Uhr am Zielbogen zeigt 1:14. „1:14??? Hä?“ denke ich. Ja, in der Tat: ich denke ein „Hä?“. Ich drehe mich nochmal um. „11:15“ steht jetzt da. Ach so. Die Uhrzeit. Also war das eben 11:14h. Moment. 9:30h bis 11:14h. Das ist 1:44h. Da ich Blödmann wieder erst einige Sekunden nach der Startlinie auf „Start“ gedrückt hatte, passt das ja. 1:45h klingt super. Neue Bestzeit!

Ich genieße die Sonne im Zielbereich, die jetzt doch schon recht kräftig ist, trinke Wasser, esse ein bißchen Apfel und mache mich mit einem Bierbecher bewaffnet (ja, Erdinger war auch da) auf den Weg zum Auto. Zu Hause angekommen stelle ich fest, dass ich mit 1:44:46 sogar noch unter 1:45h geblieben bin, was mich sehr stolz macht. Aus dem Marathontraining heraus habe ich meine Bestzeit gesteigert! Damit bin ich bei meinem vierten Halbmarathon das vierte Mal Bestzeit gelaufen. Nach 2:08h, 1:59 und 1:47 nun also knapp 1:45. 23 Minuten besser als beim ersten Mal!

Nicht nur wegen der Verbesserung und des herrlichen Wetters ist für mich der Wilhelmsburger Insellauf einer der schönsten Läufe der Region. Eine tolle Strecke, die man mit einer überschaubaren Anzahl an Gleichgesinnten absolviert. Auch wenn ich (noch?) sehr zeitorientiert bin: sehr gut hat mir der Spruch auf dem Shirt eines Mitläufers gefallen: „Lieber schöne Erlebnisse als Zeiten und Ergebnisse“. Der Wilhelmsburger Insellauf ist hierfür perfekt geeignet!

3 Gedanken zu „Schöne Erlebnisse – der Wilhelmsburger Insellauf“

  1. Hallo Steffen

    danke für’s mitnehmen auf diesen Lauf durch den schönen und unterhaltsamen Bericht!

    Außer beim Tempo :-) sehe ich viele Parallelen in unseren Vorbereitungen.
    Die Schilderung der laLa , Probleme genügend Zeit für das Training zu finden,
    jetzt schon Gedanken um das „danach“

    Und mit Schrecken denke ich daran, dass ich ja schon vor dir „dran“ bin ….

    Viele Grüße

    Ulli – aka nachlangerpause

    1. Hallo Ulli,
      schön, dass Du hier bist, und schön, dass Dir der Bericht gefällt!
      Ich muss auch sagen, gerade im RW-Forum lese ich immer wieder Beiträge, die meine Situation vor einer Zeit x widerspiegeln. Irgendwie wiederholt sich alles… Macht auch Spaß, wenn man dann aufgrund der eigenen Erfahrung „helfen“ kann.
      Alles Gute für Deinen Marathon! Sieh’s positiv: Du bist auch vor mir fertig! 😉
      VG
      Steffen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *