der erste 30er

Nun war es also soweit. Nach dem für mich erschreckenden Auswirkungen nach dem 29km-Lauf um die Alster hatte ich letzten Sonntag meinen langen Lauf einmal ausfallen lassen. Die Tempoeinheiten letzte Woche hatte ich gut überstanden und so stand für das Wochenende ein langsamer Lauf über etwa 14 km und einer über 32-35 km an.

Ich hatte regelrecht Angst, bei dieser langen Strecke wieder so einzugehen, wieder Probleme zu bekommen, und so mein Vorhaben „Marathon Ende Mai“ in Frage stellen zu müssen. Ein Scheitern in der Vorbereitung muss dazu führen, den Marathon abzusagen, das weiss ich nun sicher. Ich werde nicht meine Gesundheit auf’s Spiel setzen, nur um auf Teufel komm raus dieses Ding zu laufen.

Um sicher zu sein, ausgeruht in den 30er zu gehen, habe ich den „Vorermüdungslauf“ am Samstag kurzerhand abgesagt. Ich wollte fit sein, gut vorbereitet – und eben nicht „vorermüdet“. Sonntag habe ich ausgeschlafen, relativ normal gefrühstückt, zur Sicherheit drei Gel-Chips eingepackt, und kurz vor dem Start noch einen Powerbar-Riegel gegessen. Ich hatte einen halben Liter gesalzenes Wasser dabei und ging auch gut hydriert los.

später hing sie vermutlich auf Halbmast

Wie immer bei etwas bedeutsameren Läufen habe ich meinen Fotoapparat eingepackt. Gleich als ich an diesem herrlichen Wintertag (Sonne, 2-5°) aus dem Haus kam, sah ich die HSV-Fahne meines Nachbarn, wertete das als gutes Omen, und das erste Bild war im Kasten.

Für das Fußballspiel am selben Tag gegen Mainz sollte das allerdings keine positiven Auswirkungen haben. Aber darüber reden wir hier ja – zum Glück – nicht.

Ich hatte mir bei gpssies.com eine Strecke zur Elbe und wieder zurück zurechtgeklickt. Insgesamt etwas mehr als 30 km, ein paar davon entlang der Elbe.

man muss die Leute nur nett bitten!

Die Route führte mich zunächst 4 Kilometer auf bekanntem Terrain, danach war ich auf meinen Forerunner angewiesen, um mich a) nicht zu verlaufen und b) die Elbe zu finden, die sich etwa 10 Kilometer Luftlinie von meinem Haus befindet.

Unterwegs knipste ich einige Bildchen, wobei die Landschaft hier nicht immer das Interessanteste war. Wichtig ist bei der nachbarschaftlichen Kommunikation, dass man höflich bleibt, selbst (oder gerade?) wenn man mit Tieren spricht. Dann darf man auch Fäkalsprache benutzen.

entlang der Seeve
hier werden Dächer aufbewahrt falls mal einer - nach einem Sturm oder so - ein neues braucht. Eine praktische Sache, finde ich.

Mein Weg führte mich teilweise entlang der Seeve. Irgendwo habe ich mal gelesen, die Seeve sei der „am langsamsten fließende Fluss Norddeutschlands“. In Wikipedia steht, dass der Seeve-Radweg „keine nennenswerten Steigungen“ enthält. Wenn das mal nicht ideal für einen Lauf ist. In der Tat kann man bei der Seeve die Fließrichtung nicht auf Anhieb erkennen. Dass sie aber an der Elbe ankommt, davon konnte ich mich wenig später überzeugen.

Norddeutschland. Flach, gerade, gut.

Wenn man in der norddeutschen Tiefebene läuft, und sich dann noch in unmittelbarer Nähe eines großen Flusses befindet, dann wird’s eher – naja – flach. Da ist dann auch nicht mehr viel. Die Ortsnamen heißen irgendwas mit „Moor“ und Sonntags um die Mittagszeit gibt’s hier auch: nix. Kaum Fußgänger, wenig Hunde mit Besitzern, ab und zu mal ein gelangweiltes Rind oder ein kauendes Pferd. Genauso eintönig verläuft auch meine Laufstrecke, elend lange Geraden, kaum Abwechslung. Aber irgendwie schön. Ich liebe diese Landschaft, auch wenn sie ganz anders schön ist als meine pfälzische Heimat.

eine brutale Steigung

Jetzt, nach etwa 12-13 Kilometern, habe ich mich in einen schönen Trott gelaufen, ohne Dahinzuschlurfen, mit einem Schnitt knapp unter 6 min./km. Ich fühle mich super, genieße die Sonne, die durchaus an Kraft gewinnt und einen schonmal die Straßenseite wechseln lässt, um nicht im Schatten laufen zu müssen. Bullenhausen kommt in Sicht und somit ist die Elbe nah. Freude macht sich breit. Ja, auch die Elbe habe ich in mein Herz geschlossen.

dahinter verbirgt sich...
...die Elbe!

Dann war es endlich soweit. Das erste Etappenziel verbarg sich noch hinter einem Hügel, der von den Einheimischen gerne Deich genannt wird. Den kurz hochgespurtet – und dann hatte ich die ganze Pracht vor mir. Hier sind wir ja noch vor Hamburg, daher fahren hier auch nur die kleinen Binnenschiffe und nicht die Containerriesen. Die hebe ich mir für einen späteren Lauf auf.

it ain't Over 'till it's Over.

Ab dem Ort Over geht es nun entlang der Elbe Richtung Süden, also elbaufwärts. Ich laufe auf der Deichkrone, was eine willkommene Abwechslung nach der ganzen Asphaltstrecke ist. Überholmanöver hier oben – es gibt doch einige Fußgänger – bedeuten allerdings meist, einen Schritt Richtung „Abgrund“ zu machen, meist tritt man dabei jedoch in einen Maulwurfshügel, der vermutlich eher ein Wühlmaushügel ist. Der Deich ist übersät von diesen Dingern. Ob das gut ist für so’n Deich, weiß ich nicht.

verwunschener Wald

Bei Kilometer 15 erreiche ich die Seevemündung. Das Wasser schafft es also tatsächlich, die Elbe zu erreichen. Ich überlaufe das Mündungssperrwerk und laufe auf der südlichen Seeveseite. Das Flüsschen hat hier auch einen Deich, und der versperrt mir nun die Sicht. Der Weg unten lässt sich jedoch ganz gut laufen. Es handelt sich um den Seeve-Radweg, den ich mir für zukünftige Laufplanungen merke. Jetzt ist es Zeit, mit dem Trinken zu beginnen.

da oben muss ich gleich hin...

Der Weg bleibt größtenteils unspektakulär, die Kilometer spule ich alle knapp unter 6 min./km ab. Alles ist gut. Den Halbmarathon durchlaufe ich bei etwa 2:04h. Nun komme ich nach Maschen, bekannt für die Musikgruppe Truck Stop, sowie den größten Rangierbahnhof Europas – den zweitgrößten weltweit.

Da ich aus unerklärlichen Gründen nicht über die Gleise laufen darf, muss ich drüber. Dazu haben einige schlaue Leute eine Brücke gebaut. Der Bahnhof ist groß, wie gesagt sogar sehr groß. Es ist eine recht große Strecke zu überbrücken. Die Brücke zum Überbrücken muss also auch groß sein. Groß bei Brücken heißt meist auch hoch. Und hoch heißt für den einsamen Läufer in der norddeutschen Tiefebene: „jetzt wird’s doch nochmal anstrengend!“.

der wilde wilde Westen fängt gleich hinter Maschen an...

Naja, zugegeben: so extrem anstrengend war es dann doch nicht, die Brücke hochzulaufen. Bei Kilometer 23 werde ich dann auch mit dem immer wieder spektakulären Blick auf diese Anlage belohnt. Ich mache eine kleine Fotopause und, da ich erste Ermüdungserscheinungen bemerke, stecke mir einen Gelchip in den Mund. Ja, ich weiß, lange Läufe sind zum Trainieren des Fettstoffwechsels da, da isst man nichts. Ich jedoch möchte den Lauf gerne überleben, deshalb führe ich Kohlehydrate und anderes total wichtiges Zeugs zu. Die zweite Flasche ist geleert, die dritte wird angebrochen.

Die letzten Kilometer werden zunehmend härter. Ich fange an zu zweifeln, ob das alles so eine gute Idee ist mit dem Marathon und so. Der Gelchip gibt mir nochmal Power, aber meine Beine werden müde und nun kenne ich die Strecke wieder, was sich als Nachteil herausstellt: ich weiß, wie weit es noch ist. Weit.

Ich laufe und laufe und habe keine Lust mehr. Ich möchte jetzt gerne nach Hause und schlafen. Das wäre toll. Die letzte Flasche wird angebrochen, der Gelchip ist aufgebraucht, einen weiteren möchte ich aber nicht verwenden. Ich treffe noch Markus vom Lauftreff, der auf Stefan wartet. Die wollen 30 Kilometer laufen. Gut, dass ich da nicht mehr mit muss. Ich merke, dass ich die Plauderpause mit Markus gerne annehme und verabschiede mich schnell wieder.

Wenig später meldet mein Forerunner „Runde 30“. 30 Kilometer geschafft. Ich freue mich. Mehr nicht. Noch ein paar hundert Meter. Ich drehe eine kleine Extrarunde, so komme ich am Ende auf genau 31 Kilometer.

Dann fange ich an nachzudenken. 3 Stunden und 2 Minuten bin ich gelaufen. Für meine Begriffe mehr als ausreichend. Ich möchte eigentlich nicht länger laufen und auch nicht weiter. Es ist nämlich verflucht kraftraubend. Und zeitraubend sowieso.

Zudem benötigt mein Körper weitere zwei Stunden, bis ich wieder auf dem Damm bin. Nach der Badewanne rutscht mein Kreislauf erstmal ab, ich muss mich hinlegen. Essen und Trinken braucht eine Zeit, bis es die leeren Speicher erreicht hat. Sobald mein Körper sich so meldet, schrillen bei mir die Alarmglocken. Das alles für das eine Ziel?

Ich stelle heute erstmals meinen Marathonstart ernsthaft in Frage.

4 Gedanken zu „der erste 30er“

  1. Mir ging’s letztes Jahr bei meinen ersten langen Läufen genauso. Durchhalten! :)
    Lauf die Strecke noch ein paar mal, dann hast du damit keine Probleme mehr. Den Marathon solltest du auf jeden Fall machen, die Stimmung dort vergisst du nicht mehr in deinem Leben.
    Und mit den langen Läufen legst du dir die Grundlage, den Marathon auch durchzulaufen und über weite Strecken wirklich zu genießen. Letztes Jahr war mein erster Marathon in Hamburg, und ich hab ihn wirklich genießen können. Mir taten nur die vielen Läufer leid, die mangels Training ab km 30 gehen mussten, und an denen ich noch frisch und munter vorbeizog. 😉

    1. Hallo Dorrian und willkommen auf meinem Blog!
      Danke für Deinen Zuspruch. Interessanterweise haben die Marathonis, mit denen ich bisher sprechen konnte, genau das Gleiche gesagt. Ich erinnere mich auch an einen Lauf über 22 km vor ein paar Jahren, da ging’s mir ähnlich… Heute lauf ich das „aus der Hüfte“. *prahl*
      Ich bleib‘ dran. Der Marathon ist schließlich schon bezahlt 😉

  2. auch wenns tatsächlich alle sagen: das gehört dazu :)

    Lizzy

    heute nach 2.5 Jahren auch mal wieder 30 km geschlichen (in etwas über 4 Stunden – ich hoffe, es ist dir nicht peinlich, wenn sich so langsame alte Schachteln immer wieder in deinem Blog rumtreiben), davon ziemlich groggy aber ohne Grundsatzfragen ans eigene Tun und Wollen 😉

    1. Ich mag langsame Schachteln, vor allem mag ich sie als gute Ratgeber und Beipflichter, wenn sie auf die Erfahrung mehrerer Marathons zurückblicken können! Danke Lizzy!

      P.S.: in Frage stellen werde ich „das alles“ vermutlich noch häufiger. Nur um dann doch weiterzumachen. Hmmm…

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