Ratzeburger Adventslauf

Mein erster Blick an diesem Sonntag morgen galt dem Thermometer. Minus 6 Grad. So’n Mist. Mir war klar, dass es beim Ratzeburger Adventslauf eher kalt – aber trocken – werden würde, aber MINUS SECHS? HALLO? Zudem war der Himmel zugezogen, nix mit dem angekündigten Sonnenschein! 

Ich widerstand einem kurzen Reflex, den Wettkampf Wettkampf sein zu lassen, und überlegte, was bei diesen Temperaturen wohl die beste Kleidung sei. Beim Beinkleid war das auch schnell entschieden: ich entschied mich für eine normale lange Tight (also nicht die warme, eher Softshell-artige). 

„Obenrum“ war schon schwieriger. Sicher, es war saukalt, aber naturgemäß wird’s einem beim Laufen ja warm, insbesondere wenn der Lauf im Rahmen eines Wettkampf stattfindet. Also entschloss ich mich, ein normales T-Shirt, darüber ein Langarmshirt und darüber eine recht dünne Laufjacke anzuziehen. Zudem packte ich noch meine für’s Laufen eigentlich zu warme dicke Jacke ein. Die würde ich aber dann nur mit T-Shirt drunter anziehen. Endgültig wollte ich das erst vor Ort entscheiden. 

In Ratzeburg angekommen ergatterte ich einen der letzten Parkplätze direkt am Wettkampfbüro- und Zielgelände, und holte erstmal meine Startnummer ab. Durch die Kälte (mittlerweile nur noch -2°) und die kleine Messe drängte sich alles im Gebäude, was doch recht chaotisch war. 

Nach dem obligatorischen Klobesuch fand ich mich dann eine Viertelstunde vor dem Start auf dem Startplatz ein. Beide Läufe (7,6 km um den kleineren Küchenseee und 26 km um den Ratzeburger See) starteten vom gleichen Platz, nur in verschiedene Richtungen. Spätestens als dann noch die Sonne hervorlugte und sich ein toller Tag ankündigte, war ich mir sicher, dass mein Entschluss, obenrum in „kurz, lang, dünn-lang“ zu laufen, richtig war. Ich fror zwar beim Warten, aber das sollte sich bald legen. Zudem hatte ich eine dicke Mütze auf dem Kopf, ein Buff-Tuch um den Hals, und dünne Handschuhe an den Händen (sic!). Da ich nicht recht wusste, wie die Streckenbeschaffenheit sein würde, hatte ich mich für meine Trailschuhe entschieden. Im Nachhinein wäre das nicht nötig gewesen. Die Strecke war fast durchgängig gut zu laufen. Glatteis war so gut wie nie ein Problem; außer an einer Stelle. Da musste der Veranstalter Paletten verlegen, weil der See etwas „übergeschwappt“ war. 

Etwa 1.000 Läufer hatten sich für die große Runde aufgestellt und pünktlich um 11.15h wurde klassisch angeschossen. Ich hatte mir vorgenommen, bis km 21, wo es nochmal einige Anstiege gibt, einen Schnitt von 5:30 min./km zu laufen, um mich dann über diese Anstiege mit einer Zeit von unter 2:30h ins Ziel zu retten. 

Auf den ersten beiden Kilometern ist an Überholen nicht zu denken, die Wege sind einfach zu voll. Erst ab km 3 geht das etwas besser. Die Anstiege zu Beginn nehme ich alle in gutem Tempo, ohne langsamer zu werden. Bergab gebe ich Gas, in der Hoffnung, dass es nicht glatt ist. Es geht erstaunlich gut und ich überhole mit dieser Taktik doch recht viele Läufer, sowohl bergauf als auch bergab. Immer wieder gibt es Stellen, an denen es zu eng zum Überholen ist, ich aber etwas schneller laufen möchte. Die ersten sieben Kilometer vergehen durch die Positionsänderungen und das ständige Auf und Ab wie im Flug. Ich bin selbst überrascht, wie schnell das geht. Die Zeit ist im Rahmen, ich hinke der 5:30 noch etwas hinterher. Auch habe ich beim ersten Verpflegungspunkt im Gehen getrunken. 

isnichmehrweit!

Kurz nach dem km 8 Schild (mein Forerunner zeigte 7,8 km an, das sollte sich auch nicht großartig ändern) kommt auf einmal rechts einer aus den Büschen, offenbar vom Pinkeln. Ich sehe seine Startnummer: es ist die 5. Der einzige Läufer, den ich nicht persönlich kenne und von dem ich nur den Vornamen und Startnummer kenne, ist Karsten aus dem RW-Forum. Er hat, ihr ahnt es, die 5. Was für ein Zufall. Karsten ist ein richtig guter Läufer (die HM-PB habe ich erfragt: 1:18!!!), der aufgrund einer Verletzung aber nur sehr verhalten läuft. Das reicht, um mich trotz Pinkelpause noch abzuhängen… Wir laufen zwei Kilometer zusammen, unterhalten uns ein wenig über dies und das und beim nächsten VP zieht er – langsam aber stetig – davon. Ein nettes Erlebnis, denn es ist schon ein unglaublicher Zufall, bei knapp 1.000 Mitäufern gerade ihn so zu treffen. Nummer 5 lebt! 

Die Sonne scheint mittlerweile, es ist ein strahlend schöner wolkenloser Tag. Meine Handschuhe habe ich mittlerweile ausgezogen, den Reißverschluss der Jacke leicht geöffnet. Bei km 16 fängt meine rechte Wade an zu z(w)icken. Es ist aber nicht störend und ich versuche es zu ignorieren. Das funktioniert prima, denn ich denke erst viel später wieder daran und da zwickt schon nichts mehr. Die Strecke verläuft jetzt weitgehend flach, hier möchte ich Zeit aufholen. Das klappt ganz gut, auch wenn ich nach wie vor alle Verpflegungspunkte mitnehme und im Gehen ausgiebig trinke. Nach warmem Iso am ersten VP habe ich mittlerweile zu warmem Eistee gewechselt. Die warme Flüssigkeit tut gut. Einen Gelchip habe ich nach etwa 1:15h genommen, den zweiten nach 1:45h. Hauptsächlich um einem Einbruch entgegenzuwirken, nicht weil ich glaube, dass mich das schneller macht. Der Effekt ist trotzdem fast spürbar. Ich werde immer mehr Fan dieser Dinger. 

Zielgerade Ratzeburg 2010

Nun steht mir noch die ominöse Steigung nach km 21 bevor. Die Aussagen der erfahrenen Ratzeburg-Läufer gingen in die Richtung „da geht’s nochmal gnadenlos hoch“ oder „da kommt’s nochmal ganz dicke“. Entsprechend viel Respekt habe ich. Ich beschließe, so viel wie möglich durchzulaufen. Das klappt beim ersten Anstieg noch gut, aber beim zweiten kapituliere ich und gehe etwa 50 Meter, bevor ich wieder antrabe. Bergab bleibt es bei der bewährten Strategie: ich sammle viele Läufer wieder ein, die mich bergauf überholt hatten. Den dritten Anstieg laufe ich wieder hoch, beim vierten muss ich wieder klein beigeben. Dann noch ein guter Kilometer flach bis ins Ziel, wo ich nach 2:24:24 ankomme und vom Sprecher namentlich begrüßt werde. Eine schöne Sache, wie ich finde. Ich fühle mich noch frisch und hätte durchaus noch weiter laufen können, so verausgabt hatte ich mich dann doch nicht.

 

Mit der Zeit bin ich zufrieden, das Wetter war traumhaft, der Lauf toll organisiert, und die Hühnersuppe im Ziel sehr lecker. Der Ratzeburger Adventslauf war mein längster Wettkampf bisher und wenn ich daran denke, dass „nur noch 16 Kilometer“ bis zum Marathon fehlen, löst das gemischte Gefühle aus. Die Strecke scheint mir machbar, aber das Tempo, dass ich dabei laufen will, ist doch noch eine ganze Ecke schneller als das, was ich heute lief. Im gleichen Tempo wie heute hätte ich die 16 weiteren km sicherlich nicht geschafft. Aber es sind ja noch ein paar Monate bis zum Hamburg Marathon!

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