Zeitreise (4) – der nächste Wettkampf

Der erste Wettkampf war absolviert, nun sollte schnell ein zweiter folgen. Die Atmosphäre beim Hella-Halbmarathon hatte mir doch sehr imponiert. Schnell hatte ich den Heldenlauf in Blankenese als würdige Folgeveranstaltung auserkoren. Natürlich würde ich nicht erneut einen Halbmarathon laufen, sondern nur die 11 Kilometer.

„Naürlich nicht“? Warum eigentlich nicht? Kann ich aus heutiger Sicht nicht mehr sagen. Auf alle Fälle habe ich mich nur für den 11er angemeldet. Termin war Ende August 2009. Mir bleiben also zur Vorbereitung knapp zwei Monate.

Direkt nach dem Hella-HM gingen wir ja aber erstmal auf Kreuzfahrt. Mit der AIDAaura durch den Nordatlantik mit Halt in Bergen, Geiranger, den Färöer Inseln, Island und Schottland. Ja, man darf neidisch sein. Einige meiner Fotos, die ich hier schon gezeigt habe (und noch zeigen werde) sind während dieser Reise entstanden.

Auf so einem Kreuzfahrtschiff gibt es ja allerlei zu sehen und zu tun. Das Tun beschränkt sich i.d.R. auf Essen und/oder Trinken. Sicher, es gibt einen Shop, ein Theater, eine ausreichende Menge Reling zum Dranstellen und Kucken, einen Pool (den insbesondere meine Kinder sehr mochten) und natürlich an Deck auch einige Liegen zum liegen. Das Alles trägt nicht unbedingt dazu bei, dass man sich viel bewegt. Die Restaurants und Bars boten fast rund um die Uhr Leckerlis. Man war versucht, beim kleinsten Hungergefühl „mal eben“ eine kleine Pizza zu essen. Ich musste mich schwer zusammenreißen.

Einen Bereich (neben der Sauna und der Passagier-Waschküche) habe ich in meiner Aufzählung unterschlagen: den Fitness-Bereich.
Mir war klar, dass ich mich hier oft aufhalten musste, um meinen (zugegebenermaßen kaum vorhandenen) Trainingszustand nicht vollends zu verlieren. Vier ordentliche Laufbänder standen zur Verfügung, ein Rudergerät, zwei Stepper und zwei Räder. Alles mit Blick auf Meer bzw. Hafenmole, je nach Position des Schiffes… Es gab auf dem Oberdeck (Deck 9) noch eine etwa 500 Meter lange „Jogging-Runde“, die aber entweder von Spaziergängern/Walkern oder – je nach Wetter – von quer stehenden Liegen samt sonnenbadender Menschen blockiert wurden. Alternativ war das wegen allzu schlechtem Wetters schlicht gesperrt, damit die doofen Touris nicht vom Schiff purzeln. Sicher nicht unberechtigt.

Was blieb, waren die Laufbänder. Eines war immer frei bzw. konnte nach kurzer Wartezeit benutzt werden. Außer mir gab es noch zwei (!) etwas ernsthafter trainierende Menschen – ich würde sie durchaus als Läufer bezeichnen. Der Rest war vermutlich vom atemberaubenden Tempo, dass „wir Läufer“ an den Tag legten, recht beeindruckt. Ich begann, am dritten Tag unserer Reise und absolvierte jeden zweiten Tag ein einfaches Intervalltraining: 1 km in 8 km/h, 1 km in 11 km/h. Und das so lange, bis 10 km voll waren. Ich verstehe bis heute nicht, warum die Dinger nicht in der Lage sind, eine stinknormale Pace in min./km anzuzeigen, aber das nur nebenbei.

Interessanterweise waren die Laufbänder auch bei mehr Seegang und somit auch mehr Geschaukel problemlos zu benutzen. Man fiel nicht zwangsläufig bei einer höheren Welle runter, auch wenn man durchaus das ein oder andere Mal „rumeierte“. Ich schaffte es tatsächlich, meinen Rhythmus während der 14 Tage beizubehalten, wobei mein größtes Problem war, dass ich nur zwei kurze Tights und drei Laufshirts (u.a. das vom Hella-HM – ja, ich bekenne mich des Posings und Angebens schuldig) dabei hatte. Das Zeug konnte ich nur mit Rei im Waschbecken waschen und bekam es dann nicht richtig trocken. Vielleicht war auch deshalb immer ein Laufband frei, weil ich die anderen mit meinem Gestank vertrieben habe…

Die Intervalle klappten gut und ich fühlte mich durchaus fit. Ich bin vermutlich der einzige Mensch auf der Wet, der in zwei Wochen Kreuzfahrt abgenommen hat (ein halbes Kilo)! Nach dem Urlaub habe ich dann aber leider das Training wieder etwas schleifen lassen. Erstmal eine Woche gar nichts, dann nur halbherzig und definitiv zu wenig.

Mit meinem Hella-HM-Shirt (jaaaa, ich weiß!) stand ich dann Ende August in Blankenese am Start des Heldenlaufs. Ein anderer Läufer sprach mich an, ob das denn hier der Start des 11km-Laufs sei und wir kamen ins Gespräch. Es stellte sich heraus, dass er auch nicht sehr WK-erfahren war und ungefähr mein Tempo laufen wollte (ich hatte mir eine Zeit von etwas mehr als einer Stunde erhofft). Als er aber nach dem Start recht fix losrannte, ließ ich ihn ziehen und versuchte, mein Tempo zu laufen, was ganz gut gelang. Nicht, dass ich eine Pace im Kopf gehabt hätte oder auch nur einen Hauch einer Strategie. Die legte ich dann aber nach etwa 2 km fest: ich sah meinen neuen Lauffreund nämlich etwa 100 Meter vor mir in einer Gruppe von etwa fünf bis sechs Läufern. Die würde ich alle im Auge behalten wollen. Das klappte die folgenden Kilometer sehr gut. Bei km 5 merkte ich dann, dass ich – ohne mein Tempo verschärft zu haben – auf diese Gruppe auflief. Ich schaffte es, mich zu zügeln, kam aber immer näher. Schließlich lief ich neben ihm und fragte kurz „na, alles klar?“. „Nein, gar nicht“ war seine Antwort. Und was sage ich: „na komm, ich zieh Dich“. Boah, Steffen. Du alter Angeber! Gerade mal einen HM gefinisht und dann schon der barmherzige Helfer der Unerfahrenen und im-Tempo-Nachlassenden. Aber es klappte. Gemeinsam lösten wir uns aus der Gruppe und liefen weiter MEIN Tempo, das nun einen Tick langsamer war als zuvor. Er bleib dran und sagte mir wenig später, dass er mich im Ziel wohl erstmal doll umarmen müsste…

Ich hatte durchaus hin und wieder den Reflex, schneller laufen zu wollen. Grundsätzlich hätte ich das auch gekonnt, aber ich hatte mich ja meiner neuen Aufgabe als Hase verpflichtet. Da ich sowieso mehr so „mal schauen“ wollte, war das für mich auch absolut ok. Als das 10 km Schild in Sichtweite kam, fragte ich, ob wir den letzten km nochmal Gas geben wollten, aber mein Begleiter war mit dem Tempo bestens bedient und verneinte. Ich wollte zumindest am Ende nochmal auf die Tube drücken und verabschiedete mich 200 m vor dem Ziel zu einem Endspurt, nach wie vor glücklich über den Umstand, dass ich so gut drauf war. Natürlich hatte ich dadurch nur ein paar Sekunden herausgelaufen, aber meinen Begleiter wohl etwas vergrätzt, den er sagte im Ziel nur „so ein Endspurt bringt meistens nichts“. Hmpf. Naja, er hat sich auch nochmal artig bedankt.

Meine Zeit für die 11 km lag bei 1:00:06. Sieben blöde Sekunden, die hätten’s dann ruhig noch sein dürfen. Die Zeit hätte ich natürlich draufgehabt. Egal, faszinierend fand ich dabei allerdings, dass ich genau dieses Tempo, nämlich 11 km/h auf dem Laufband trainiert hatte. Von diesem Zeitpunkt an wusste ich, dass Tempotraining wirklich was bringt. Erfahrungen muss man eben selbst machen…

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