mein Süderelbe Halbmarathon

Heute morgen schaute ich aus dem Fenster: schönes Wetter, leichter Nebel, aber trocken. Ideales Laufwetter! Mein Vorhaben, heute beim Süderelbe HM die 1:50 zu knacken, konnte losgehen. Etwas hektisch habe ich Brötchen aufgebacken, mir eines mit Honig reingeschoben und mit Kaffee und Wasser runtergespült.

Die Tasche hatte ich soweit vorgepackt, selbstverständlich habe ich aber doch noch mal alles überprüft. Was brauch ich vor dem Lauf, was während, was danach? Gut, alles da. Dann schaute ich auf’s Thermometer: 1,5° Celsius. EINSKOMMAFÜNF. Ich habe dann doch noch die lange Hose eingepackt. Das würde also mein erster Wettkampf in „lang/lang“ werden. Der achte Wettkampf überhaupt, der dritte Halbmarathon (den 20,5er in Jesteburg zähle ich jetzt mal nicht mit, der ist ja 600 m zu kurz).

Um 9:00h standen wir mit sechs Mann des TuS Fleestedt bei der Startnummernausgabe. Ich bekam die 110. Prima, dachte ich, da haben sie die Notrufnummer gleich aufgedruckt, falls ich nachher irgendwo am Deich gefunden werde. Schnell noch umgezogen, alles zurechtgerückt, passt.

Start war um 10:00h nach ein paar einleitenden Worten von Andre Schepanski, einem der beiden „Macher“ der LG HNF, ging’s los. Unspektakulär, ohne Chip am Schuh oder Transponder am Arm. Einfach los Richtung Altes Land, topfeben und Bestzeitentauglich:

Schnell rüttelt sich das Feld zurecht und ich finde meinen Platz. Ein Blick auf die Uhr zeigt mir das, was ich schon vermutet hatte: mit 4:35 bin ich doch etwas zu hurtig unterwegs. Also Tempo raus und locker werden. Ich fühle mich super, kein Wadenzwicken mehr, wie noch gestern und vorgestern. Mein Ziel ist klar: unter 1:50h laufen. Die Strategie, die ich mir überlegt hatte, sah vor, dass ich die erste Hälfte mit einem 5:13er Schnitt angehe und dann die zweite Hälfte Gas gebe.

Piep. Mein Forerunner sagt, dass Kilometer 1 in 4:55 vorbeigegangen ist. „Du bist zu schnell, nimm Tempo raus!“ sage ich zu mir, aber wie immer bei Wettkämpfen orientiert man sich eben doch ein wenig bei den Leuten, die um einen herum laufen. Mal hängt man sich an einen ran, dann bleibt man absichtlich hier einem anderen, wie es halt gerade so passt. Dabei nimmt man automatisch deren Tempo mit.

Noch frisch nach etwa 2,5 km

Ich zwinge mich, langsamer zu laufen. Die nächsten Kilometer gehen mit 5:07, 5:02, 5:07 und 5:02 in schöner Regelmäßigkeit vorüber. Ich merke, dass 5:07 mein heutiges Wohlfühltempo ist und eine kleine Gruppe mit 4-5 Läufern scheint das auch zu glauben, denn wir bleiben ein ganzes Stück zusammen. Die Strecke geht jetzt über freies, unbebautes Land – normalerweise bläst hier der Wind, aber heute ist es windstill. Als Kilometer 5 durch ist, stecke ich mir den ersten Gelchip in den Mund. Ich wollte die Dinger zwar nicht mehr nehmen, aber der Effekt in Jesteburg war spürbar und daher habe ich drei Stück dabei. Mühsam und zäh löst sich das Zeug in meinem Mund über die nächsten 4 km auf.

Bei etwa 7,5 km gibt’s warmes (!) Iso und Wasser. Ich nehme Iso, trinke zwei Schluck in vollem Tempo, und spüle so den etwas klebrigen Mundinhalt herunter. Ich habe keine Zeit am Verpflegungsstand liegenlassen. Durst hatte ich eh keinen (1 Flasche Wasser vor dem WK war ja schon drin). Jetzt kommt die ätzend lange Zeit, bis endlich der Wendepunkt kommt. Mourad Bekakcha, Hamburger Marathonmeister 2009 und 10km-Meister 2010 ist mir bereits wieder entgegengekommen. Erstaunlich, dass er offenbar nicht gewonnen hat, wie ich im Ziel erfuhr. Sein Vorsprung war nämlich schon recht groß vor einem kleinen Zweier-Verfolgerfeld.

Endlich kommt das Ortsschild von Rübke. Die Wendemarke bei 10,5 km erreiche ich mit einer Durchschnittspace von 5:03. Viel schneller als ich sein wollte. Soviel zum Thema Wettkampfstrategie! Egal, es läuft, mir geht es nach wie vor gut und das Tempo fühlt sich gut und „richtig“ an. Martin aus meinem Verein kommt mir entgegen, er ist auf 1:53 Kurs und winkt mir fröhlich zu. Ich halte die Pace erstaunlich gut. Die km-Zeiten pendeln um 5:05. Super. Da ist wieder der Verpflegungsstand. Diesmal nehme ich Wasser, schütte zwei Schluck in mich rein, den Rest verschütte ich. Seit km 11 habe ich den zweiten Gelchip im Mund und warte darauf, dass sich das Biest endlich auflöst.

Jetzt kommt die spannendste Phase des Wettkampfs. Jetzt kommt es drauf an, ob ich überpaced habe, oder das Tempo halten kann. Mittlerweile ist das Feld so weit auseinandergezogen, dass ich die meiste Zeit quasi alleine laufe. Vor mir ein gehender Läufer (ist das eigentlich ein Widerspruch? Ein Geher ist es ja nicht…), hat sich wohl zu viel vorgenommen. Den schnapp‘ ich mir. Denkste. Kurz bevor ich ihn erreiche, läuft er wieder los. Viel schneller als ich. Zu schnell, wie ich noch denke. Der geht bald wieder. Und so ist es. km 14 ist mit 5:03 vorbeigegangen und da vorne geht er wieder. Diesmal überhole ich ihn und… Er hängt sich an mich. Etwa – gefühlt – einen Meter hinter mir. Mich macht das nervös und ich versuche ihm instinktiv wegzulaufen. 4:50 zeigt die Uhr. Das geht nicht gut. Hoffentlich geht er gleich wieder! Nein, tut er nicht, er nutzt mich als Lokomotive. Jetzt läuft er ja auch das für ihn richtige Tempo!

Da isser, mein Pacemaker

Ich versuche krampfhaft, nicht zu schnell zu laufen. Er bleibt dran und im Nachhinein bin ich ihm dankbar, denn diese schwierige Passage geht so mit einem ordentlichem Tempo vorbei. Er bleibt bis km 18 (!!!) an mir dran. Wir laufen gemeinsam etwa 4 km in 5:02er Schnitt. Auf einmal zieht er an mir vorbei wie ein Bekloppter. Ich kann und will ihm nicht folgen, verfluche ihn aber innerlich, weil er sich erst hinter mir erholt und mich dann „stehen lässt“. Idiot. Schwupps. Ich laufe wieder 5:09. Der Typ ist mir aus dem Nacken und ich verfalle wieder in mein Tempo. Irgendwie doof. Aber egal, denn ich möchte jetzt keinen Kilometer mehr langsamer als 5:12 laufen. Alles andere ist mir egal. Isnichmehrweit.

Ich beiße. Jetzt will ich es wissen. Ich habe während des gesamten Laufs nur meine Pace kontrolliert, nie auf die Zeit geachtet. Zum Hochrechnen fehlt mir die Ruhe, ich will auch gar nicht rechnen. Piep. 5:08. So, jetzt noch etwas mehr als 2 Kilometer. Viele geben nochmal alles, der ein oder andere D-Zug überholt mich, andere werden jetzt kurz vor Schluss demotiviert und brechen ein. Für die bin ich vermutlich ein D-Zug. Der nach wie vor super unterwegs ist, auch wenn’s jetzt weh tut. Die ersten Kilometer habe ich nur etwa alle 500 Meter auf die Uhr geschaut, jetzt etwa alle 100.

Piep. 5:05! Geht doch noch! Ich realisiere, dass ich mein Ziel erreiche werde, und zwar locker. Ich finde noch ein paar Körner und auch meinen „Freund“, der schon wieder geht. Ich laufe an ihm vorbei und – ja – er hängt sich dran. Im Ziel werde ich ihm sagen, was ich von der Taktik halte, selbst wenn sie auch mir was gebracht hat. Wir laufen auf eine Läuferin auf. Irgendwie dankbar bleibe ich hinter ihr. Mein Hintermann auch, aber nur kurz. Jetzt – etwa 300 Meter vor dem Ziel – rast er wieder wie ein Berserker an uns vorbei. Nach der nächsten Kurve werde ich von der Zielgeraden überrascht. Huch? Hier schon? Geil! Die Fleestedter schreien sich die Seele aus dem Leib und feuern mich an. Na gut, dann eben noch Zielspurt! Die große Uhr am Ziel zeigt 1:46 irgendwas. WAS? 1:46? GEIL!!!

Tja.. Wenn ich meinen Forerunner richtig abgedrückt habe (er zeigte übrigens 21,08 km an!), bin ich den Süderelbe Halbmarathon in 1:46:51 gelaufen! Es war kein einziger Kilometer dabei, der langsamer als 5:10 war! Ich bin mit einer unglaublichen Regelmäßigkeit gelaufen. Ab km 2 bis km 20 alles zwischen 5:00 und 5:09. Damit habe ich innerhalb von viereinhalb Monaten meine Bestzeit um über 12 Minuten gedrückt. Was für ein Jahr!

Und Wolfgang: Dein Tipp mit 1:46:30 war wirklich total übertrieben! 😉

Nachtrag: Mourad Bekakcha hat natürlich doch gewonnen! In 1:11:55 und mit 5 Minuten Vorsprung! Meine offizielle Zeit ist 1:46:53.

3 Gedanken zu „mein Süderelbe Halbmarathon“

  1. Moin Steffen,
    und ich sach noch „du hast die Zeit drauf“ – allerdings war da von der 1:49 die Rede. Herzlichen Glückwunsch, tolle Zeit. Du hast dir genau den richtigen Tag ausgesucht, herrlichstes Wetter, perfekte Bedingungen und offensichtlich den richtigen Stachel (den Sprint-Geher) gehabt, um dich zu dieser Leistung zu „zwingen“.
    Viel Spaß beim Relaxen, erhole dich gut – vielleicht schaffen wir ja dieses Jahr noch mal einen langen Lauf gemeinsam.

    Viele Grüße,

    Lutz

  2. Moin Steffen !

    Auch von mir noch mal herzlichen Glückwunsch !

    Wenn ich heute nicht selber dabei gewesen wäre ( wenn auch „nur“ für den 10er ) dann hätte mir Dein Bericht vom Sofa aus schon gereicht …

    „“Geile““ Zeit nach nur so kurzer Trainingszeit !!!!!!!!!! Respekt !!!!!!!!

    Sehe Dich beim Training und freue mich auf die Königsklasse mit Dir unter 4:00:00

    Liebe Grüße
    Stefan

    1. Lutz, Stefan

      danke für Euer Feedback und die Glückwünsche. Ich bin echt stolz auf diese Zeit, zumal mir nun für den Marathon eine Zielzeit von 3:44 ausgespuckt wird. Mit dem Malus des ersten Marathons erscheint die 4-Stunden-Marke „knackbar“.

      Lutz, ich habe gerade mal beim TSV Gellersen geluschert: unsere neuen PB’s liegen damit nur 6 Sekunden auseinander! Wobei Deine Strecke weitaus anspruchvoller war, ich hatte gestern maximal 5 Höhenmeter 😉

      Ich freu mich jetzt auf eine schöne Regenerationswoche mit ruhigen Läufen und auf die langen „Ausdauer-Grundsteinlegungsläufe“ im Winter!

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