Wiedersehen beim Alsterlauf

Heute also Alsterlauf. Mein erster „Zehner“, bisher bin ich ja außer den beiden HMs nur 10.5, 11 und 11.7 gelaufen. Die Wettervorhersage war gut (erst Nachmittags sollte es regnen), ich hatte die letzten Tage getapert, und heute Morgen wie bisher immer vor Wettkämpfen ein Brötchen mit Honig und zwei Tassen Kaffee gefrühstückt.

Um 9:15h traf ich am Startbereich Steinstraße ein, gab meinen Rucksack ab, und lief mich locker 10 min. ein. 15 Minuten vor dem Start füllte sich der Startblock schon langsam. Ich stellte mich bei der Zielzeit 50 Minuten auf, weil ich vermutete, dass man bei der großen Teilnehmerzahl sowieso nach dem Start etwas Zeit liegen lassen würde.

Noch zwei Minuten bis zum Start. Auf einmal fällt die Anzeige am Startbogen aus. Tot, nix mehr Strom. Nur ein paar Sekunden später neigt sich der Bogen nach unten. Wildes Gejohle und Geklatsche. Neben Schadenfreude (warum eigentlich?) mischt sich auch Unruhe ein, ob denn rechtzeitig gestartet werden kann, ob überhaupt eine Zeitmessung stattfindet usw. Jetzt wird klar, dass man aus dem aufblasbaren Startbogen nur die Luft rausgelassen hat, um das Ding schnell zur Seite zu kriegen. Das klappt. Lautsprecherdurchsagen funktionieren auch nicht mehr. Dann der Startschuss. Ui! Los geht’s!

Ich versuche gleich nach dem Überlaufen der Startmatten meinen Platz im Feld zu finden. Ich will nicht zu viel Zeit verlieren auf den ersten Metern. Es haben sich aber offenbar nicht allzuviele Läufer falsch aufgestellt, so dass um mich herum tatsächlich alle mit einem Schnitt von knapp unter 5 Minuten unterwegs sind. Klar, mal überholt man welche, dann rasen wieder andere an einem vorbei. Das wird sich während des gesamten Wettkampfs nicht großartig ändern.

Mein Vorhaben heute ist klar: der Trainingsplan sagt, dass ich diesen Wettkampf mit Schnitt 5:17 laufen soll. Da würde ich auf eine Endzeit von 52:50 kommen. Ich habe mir vorgenommen, unter 52 Minuten zu bleiben. Die 5:12 dafür müsste ich eigentlich drauf haben, zumal der Trainingsplan für mich eine mögliche Zehnerpace von 5:07 angibt. Da ist die Marke für km 1. Ein paar Schritte vorher meldet mein Forerunner, dass ich diesen Abschnitt in 4:55 gelaufen bin. Zu schnell. Ok, es ist Wettkampf. Pace rausnehmen. Ich fühle mich übrigens sehr gut, das Tempo gefällt mir. Jetzt werden wir mit den anderen Startern zusammengeführt, für die es auf der Mönckebergstraße losging. Es wird aber nicht enger, da die Straße breiter wird. Gut organisiert, denke ich.

Die km2 Marke verpasse ich, aber meine Uhr sagt, dass ich 5:01 gebraucht habe dafür. Nicht überpacen, denke ich wieder, und laufe etwas langsamer. Ich merke aber selbst, dass ich wie von Geisterhand von meinem Umfeld wieder zu einem etwas schnelleren Tempo gezogen werde. Nachdem km 3 mit 5:02 ähnlich schnell war und auch km 4 bei 4:56 gestoppt wurde, überprüfe ich mal meine Verfassung. Gut. Eher „überraschend gut“. Bis jetzt war das ja nur ein 4000er Intervall mit etwa 5:00 min./km. Kann ich. Weiß ich. Aber mehr? Lieber Tempo rausnehmen!

Ja, ja, das dritte Mal nehme ich mir vor, Tempo rauszunehmen, und: es klappt zum dritten Mal nicht. Die Uhr zeigt nach 5km zwar eine 5:10 an, aber das liegt sicherlich an der Brücke, die man überlaufen musste. Dann sehe ich ihn. Ich muss grinsen. Vor mir läuft: das Sebamed-Männchen. Beim Halbmarathon hatte ich ihn noch verflucht (bei allem Respekt), heute würde ich ihn nicht ziehen lassen. Dazu bin ich zu gut drauf. Also pirsche ich mich langsam an ihn ran. Er scheint das zu registrieren „der Typ, der über dich beim Hamburg HM so einen Mist geschrieben hat, will dich überholen“. Und… ZACK… zieht er an und läuft mir weg. Ich bin fassungslos.

Ich merke nun langsam, dass mir das Tempo schwerer fällt. Einige Läufer sehe ich immer wieder, mal vor mir, dann überhole ich sie, dann kommen sie wieder an mir vorbei. Ich beschließe, jetzt endlich langsamer zu laufen. Ein oder zwei Kilometer mit 5:15, dann mal sehen. Bei km 6 habe ich 4:58 auf der Uhr. Hat ja super geklappt. Jetzt überlege ich, ob ich mir einfach was vormache und die Pace sehr wohl halten kann? Ich rechne hoch. Eine 51er Zeit ist definitiv im Bereich des Machbaren. Der Forerunner piept immer etwa 15-20 Sekunden bevor ich das km-Schild erreiche. Also wird meine Zielzeit die Durchschnittspace mal 10 plus etwa 20 Sekunden sein. Momentan würde das auf eine Zeit unter 51 Minuten hinauslaufen, aber ich warte ja noch auf meinen Einbruch.

Aber nix Einbruch. Kilometer 7 und 8 vergehen mit 4:59 und 5:01 einfach genauso schnell wie die bisherigen. Ich realisiere langsam aber sicher, dass ich dieses Tempo wohl durchhalten werde. Darüber hinaus merke ich, dass ich noch „Körner“ habe, und beschließe einen Zielspurt zumindest zu versuchen. Kilometer 9: nochmal eine 5:06. Jetzt rechts von der Kennedybrücke runter und dann ist da ja schon der Ballindamm. Aber natürlich habe ich die kleine Schleife am Wallringtunnel vergessen. Da geht’s jetzt nochmal kräftig bergauf und… ich lege nochmal einen Zahn zu. Mir doch egal, jetzt wird das Letzte aus mir rausgeholt.

Ich überhole einen Läufer, den ich die ganze Strecke über immer nur von hinten gesehen habe. Jetzt die Kehre über dem Tunnel und dann noch ein kleines Stück wieder runter zum Ballindamm. Dort links, an der Binnenalster entlang. Ich sehe zwei Dinge auf einen Blick: den Zielbogen und… das Sebamed-Männchen! Etwa 50 Meter vor mir, ich denke, dass noch etwa 250 Meter zu laufen sind. Ich kann nochmal eine Schippe drauflegen. Ich denke, ich überhole etwa 20-25 Läufer auf dem Ballindamm, werde aber bestimmt auch von 5-10 überholt. Jeder gibt jetzt nochmal alles. Das Unfassbare geschieht, das Sebamed-Männchen kommt in „Griffweite“. Noch etwa 50 Meter zum Ziel. Unfassbar, aber ich kann noch weiter beschleunigen, und so geschieht es: ich überhole das Sebamed-Männchen! Die Uhr über dem Zielbogen zeigt 00:51:nochwas an und ich renne wie ein Bekloppter über die Zielmatten. Ich drücke die Stoptaste an meiner Uhr und kann nicht glauben, was ich da sehe: 50:16.

Zu Hause wird mir mein Rechner sagen, dass ich für den 10. Kilometer 4:36 gebraucht habe und für die 130 Meter Differenz, die mein Forerunner zu viel angezeigt hat, nochmal 29 Sekunden, was einem Kilometer-Schnitt von 3:46 entspricht. Ich bin megaglücklich und stolz auf diese Zeit. Offiziell ist es sogar 50:15 geworden, also ein Schnitt von 5:02 min./km.

Im Ziel habe ich dann übrigens noch Jens Bastian, der offenbar bei jeder größeren Veranstaltung hier im Norden mit einem Sebamedflaschen-Kostüm mitläuft, angesprochen, ihm zu seinen Super-Leistungen gratuliert, und ihm versprochen, nie wieder etwas Respektloses über ihn zu schreiben!

Der Lauf war superklasse, perfekt organisiert – sogar das Problem mit dem Missgeschick am Start wurde klasse gelöst, meine Zeit ist einfach traumhaft gut und die Stimmung in Hamburg war mal wieder erste Sahne, auch wenn ich darüber in meinem Bericht nichts geschrieben habe.

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