Der Yachthafen beim Hotel

wie ich den Scharmützelsee besiegte

Nun war es also soweit. 26-28 km. Evtl. mehr – wegen meiner Ortsunkenntnis. Mein längster Lauf bis heute waren 22,5 km. An diesen Lauf habe ich schlechte Erinnerungen. Da hatte ich so ziemlich alles falsch gemacht, was man falsch machen kann, und bin dehydriert und mit großen Kreislaufproblemen völlig entkräftet angekommen. Zwei Halbmarathons und viele Läufe zwischen 18 und 22 km sprachen aber dafür es zu probieren. Respekt vor meinem heutigen Vorhaben war aber definitiv vorhanden!    

Nach einem leichten Frühstück ging ich gut hydriert und mit ein wenig Verpflegung bewaffnet auf die Strecke. Ich hatte die vier 125ml Flaschen meines Trinkgurts mit Wasser und ein wenig Kochsalz gefüllt, zwei Dextro Energen und einen Powerbar Müsliriegel dabei. Zudem hatte ich meinen Fotoapparat (die kleine Ixus) eingepackt und wollte den Lauf so dokumentieren. Das würde mich auch immer wieder daran erinnern, dass das Ganze ohne Zwang stattfinden sollte. Immer mal wieder kurz zum Fotomachen anhalten (teilweise war es dann in der Tat nur ein oder zwei Sekunden, um verwacklungsfrei zu fotografieren), schön langsam laufen, wenn es gar nicht mehr geht, pausieren oder zumindest gehen. Ein Wohlfühllauf um den Scharmützelsee.    

Ich wollte die ersten 15 km nichts zu mir nehmen und dann mit dem Traubenzucker und etwas Wasser beginnen. Den Powerbar-Riegel hatte ich mehr als Reserve dabei, falls ich total einbrechen sollte.    

Das Wetter zeigte sich mit meinem Vorhaben einverstanden: bei 16-18° wechselten sich Wolken und Sonne ab, Wind war so gut wie keiner. Ich fühlte mich super und war gespannt darauf, wie ich die Strecke bewältigen würde. Wie gesagt, Respekt vor der Strecke war vorhanden.    

Ich laufe also gegen 11 Uhr am Hotel los. Anhand der Karte hatte ich mich entschieden „rechtsrum“ zu laufen. Das Hotel liegt am Westufer, kurz vor Wendisch Rietz. Erst nach Süden, um die Südspitze des Sees herum, dann am Ostufer immer nördlich (mit der Sonne im Rücken) bis Bad Saarow, um das Nordende herum, und dann wieder zurück.    

Der Yachthafen beim HotelZuerst passiere ich den kleinen Yachthafen, der direkt am Hotel liegt. Ich überlege, ob es sinnvoll ist, alle paar Meter anzuhalten, um die Strecke möglichst lückenlos zu dokumentieren. Nein, sicherlich nicht. Interessanterweise stelle ich hinterher fest, dass ich ziemlich genau alle 5 Minuten auf den Auslöser gedrückt habe. Außer gegen Ende. Aber ich will ja nichts vorweg nehmen.    

was für eine Laufstrecke!
was für eine Laufstrecke!

Über den Uferwanderweg geht es Richtung Süden. Traumhaft zu laufen, auch wenn man den See nicht oder nur selten sieht. Der Weg selbst ist ein Waldweg, wie man ihn sich wünscht: nicht zu weich und federnd, aber auch nicht zu ausgetreten. Perfekt für mein Vorhaben. Ich weiß anhand der Karte, dass das nicht so bleiben wird. Schon bald in Wendisch Rietz wird es durch normale Straßen gehen. Dann bereits der erste „Aufreger“: ich laufe auf den Eingang eines Campingplatzes zu, an dem dick steht „Zutritt nur mit Campingausweis“. Die letzte Abzweigung ist nur 100m zurück, also drehe ich um, und laufe wieder zurück. Dabei überlege ich mir, ob das nicht übertrieben ist. Was hätte mir schon passieren sollen.   

Aber welcher Blick wäre mir entgangen! Dieser traumhafte Kiefernwald, wie im Märchen:  

hier muss man einfach stehenbleiben
man beachte den Weg links :-)

In der Tat geht es schon bald auf Asphalt weiter. Mir auch lieb, die meiste Zeit laufe ich sowieso auf Asphaltstrecken. Nach wie vor ist alles schön grün, aber ich entferne mich doch recht weit vom Ufer. Ich komme ins besagte Wendisch Rietz und laufe an der Hauptstraße entlang. Hier ist nicht viel los und ich frage mich, wann ich mich wieder weiter nach links Richtung Ufer wagen kann. Ich erinnere mich, dass man eine Zeit auf der Hauptstraße bleiben muss und es dann über eine Brücke geht, die einen Zufluss (oder Abfluss) des Sees überbrückt. Also frage ich eine offenbar Einheimische, wo diese Brücke sei und sie gibt mir zu verstehen, dass ich auf dem richtigen Weg bin… Idyllisch liegen auch hier Boote vertäut. Der Lauf macht mir schon jetzt einen Riesenspaß. Die Pace stimmt: ich pendle so um die 6 Minuten pro Kilometer. Ich habe nun etwa 4-5 km hinter mir und fühle mich großartig.  

Nach der Brücke geht es zwischen Ufer und der Bahnlinie entlang. Selbstverständlich kommt der Zug gerade, um sich von mir ablichten zu lassen. Heute passt das einfach alles. Der Weg wird nun etwas schmaler (wie auf dem Foto zu sehen). Man merkt, dass er hauptsächlich von Radfahrern genutzt wird. Überhaupt werde ich hauptsächlich Radfahrer treffen, Läufer nur zwei oder drei, die alle nicht so aussehen, als hätten sie das Gleiche vor wie ich. Ich kenne zwar aus dem Runnersworld Forum und „Läuferkreisen“ einige Bekloppte, aber zufällig trifft man die doch eher selten. Somit bin ich wohl der einzige Bekloppte heute. Meine Kumpels schwanken in der Beurteilung zumindest zwischen Anerkennung und Verurteilung…  

Beim Anblick dieses Schilds muss ich lachen und habe es alleine aus diesem Grund abgelichtet: wo geht’s denn nur nach Cehrensdorf?  

Die Strecke bleibt noch eine ganze Weile unspektakulär, aufgrund der Uferbebauung muss man sich dann doch vom See fernhalten. Ich beginne mich darüber zu ärgern, denn so bleibt ein „normaler“ Lauf durch kleine Ortschaften.  

Dann taucht er endlich wieder auf und ich genieße diesen Ausblick. Ich kann das andere Ufer sehen, den Yachthafen, an dem ich vor etwa 45 Minuten losgelaufen bin. Wohlwissend, dass ich gleich näher an der Uferlinie laufen kann, setze ich mich wieder in Bewegung. Schon bald werde ich eines Besseren belehrt. Irgendwie hatte ich mir die Karte wohl doch nicht so gut eingeprägt. 

Ich frage einen Pilzsammler, wann ich wieder näher am Ufer laufen kann. Er meint, dass es bis Diensdorf dauert, bis das wieder geht. Ich bedanke mich artig, auch wenn ich keine Ahnung habe, wie weit Diensdorf noch ist. Ein Kranich (wie ich hinterher durch akribische Recherche herausfinde) ruft permanent seinen gespenstisch klingenden Schrei, was der Szene etwas Skurriles verleiht. 

Dann endlich wieder Seeblick, vorbei an einigen Villen mit Seezugang. Unglaublich allerdings wie hier Baustile vermischt werden. Da reiht sich ein Reetdachhaus an einen schwarzen kubischen Bungalow, gegenüber steht ein Haus im Toskana-Stil, gefolgt von einem 08/15-Mehrfamilienhaus. Schade. 

Am Dampfersteg mache ich eine kurze Pause und genieße den Blick. Mein Forerunner zeigt etwa 15 km an. Mehr als die Hälfte dürfte ich geschafft haben! Ich fühle mich immer noch super, trotzdem fummle ich ein Dextro Energen heraus. Mit ein wenig Wasser spüle ich es herunter und esse direkt darauf das Zweite. Wieder etwas Wasser hinterher. Alles ist gut. Weiter geht’s. 

Die Strecke wird nun optisch wieder netter. Ein Hund läuft plötzlich direkt auf mich zu, richtig interessiert an mir. Normalerweise habe ich damit nie Probleme, aber der macht mir Sorgen. Sein Besitzer ist nun auch zu sehen und ich rufe „nehmen sie bitte den Hund weg“. Er ruft „aus!“ und der Hund hört. Der Mann schaut mich etwas vorwurfsvoll an und ich kriege ein richtig schlechtes Gewissen. Schließlich habe ich doch etwas voreilig gerufen. Ich bedanke mich darum sofort und bin auch schon weg. 

Weiterhin bewegen sich meine Kilometerzeiten um 6 Minuten, mal mehr, mal weniger. Ich bin im „Flow“, letzten Endes läuft es sich von alleine. Mit Anstrengung hat das (noch) nichts zu tun. Ich warte nun darauf, in den Kurort Bad Saarow zu kommen. Teure Villen und bessere Straßen kündigen ihn an. Man merkt, dass es Bad Saarow sehr gut gehen muss. Alles ist hübsch angelegt, der Kurpark sieht aus wie gemalt und es macht richtig Laune, sich hier aufzuhalten. 

Hier ist natürlich auch „Publikum“. Man flaniert, promeniert (es ist schließlich Samstag Mittag, mittlerweile 13 Uhr) und hält sich bei dem schönen Wetter natürlich draußen auf. Immer wieder bemerke ich die Blicke auf meinen Trinkgurt. Ob die sich fragen, ob ich um den See laufe? Ich gebe zu, ich bin geneigt zu schreien „ja, ich laufe einmal rum um euren See!“. Wie das so ist mit Publikum, laufe ich diese zwei Kilometer schneller… Den Halbmarathon durchlaufe ich bei 2 Stunden 10 Minuten. 

Kilometer 22. Ich spüre zum Einen Stolz, denn gleich habe ich meine bisherige Bestmarke übertroffen und andererseits Müdigkeit. Müdigkeit? Wo kommt die denn her? Bis jetzt ging’s mir doch gut! Ich entschließe mich, den Müsliriegel zu essen. Die Hälfte esse ich auf, spüle mit Wasser gut nach. Die Müdigkeit bleibt. Kilometer 23. Ich trabe, schlurfe nur noch langsam vor mich hin. Jetzt bin ich auch noch auf die kleine Halbinsel reingefallen, die ich eigentlich ignorieren, also abkürzen, wollte. Bis ich es merke, hat es mich bestimmt 600 Meter gekostet, wenn nicht mehr. 

hier hat er mich erwischt

Auf einmal steht er vor mir. Ich kann nicht ausweichen, sehe kurz, wie er den Arm hebt, dann saust etwas auf mich nieder. Er hat mich erwischt. Der Mann mit dem Hammer. Ich bleibe augenblicklich stehen und… er ist weg. Ich krame die zweite Hälfte meines Powerbar-Riegels heraus und esse sie auf. Nochmal Wasser hinterher, drei der vier Flaschen sind nun leer. Gut gehaushaltet, damit bin ich zufrieden. Ich gehe sicherlich 500, 600 Meter. Dann trabe ich wieder an. Es ist hart, aber ich sehe nicht ein, jetzt aufzugeben. Wieviele Kilometer sind es noch, wie weit bin ich von der geplanten Strecke abgewichen? Noch drei, vier Kilometer? Eher mehr, befürchte ich. 

Den unspektakulären Friedrich-Engels-Damm kenne ich schon von gestern. Der zieht sich wie Kaugummi. Eine Informationstafel taucht auf. Ich bleibe vor ihr stehen, orientiere mich kurz, überschlage die restlichen Kilometer. Ich stehe eigentlich zu lange, schaue zu lange auf Straßennamen, studiere Wege, die mich eigentlich jetzt gar nicht interessieren. Da merke ich: ich versuche mich selbst zu täuschen! Ha! Aber ich habe mich erwischt! Nix da! Ich überschlage: noch 2,5 km. Das ist ja gar nix! Ich beschließe, diese Pippifax-Strecke durchzulaufen und setze mich in Bewegung. 

Ich vermute, dass jetzt die Kohlenhydrate auch angekommen sind, denn es fällt mir wieder leichter. Mein Forerunner behauptet sogar, dass ich nun wieder mit knapp über 6 Minuten unterwegs bin. Auf der Uhr stehen 2 Stunden und 45 Minuten. Na, dann aber hurtig, unter drei Stunden möchte ich jetzt schon bleiben. Keine Zeit mehr zu fotografieren. Ein leichter Anstieg tut weh, aber egal. Durch die Schranke auf das Hotelgelände, dann noch einige hundert Meter bis zu den Schotterwegen, die mir sagen, dass ich gleich da bin. Da vorne, der kleine Platz mit den Bänken, an dem ich losgelaufen bin. Ich spurte nun fast, erreiche den Platz, drücke die Start/Stop Taste und registriere: 2:59:33 und 27,8 km. 

Ich dehne nur ganz wenig, bestelle mir ein alkoholfreies Weizen, dass ich auf der Terrasse genieße, und gehe dann ins Zimmer. Dort angekommen wird es mir erst klar: ich habe den Scharmützelsee besiegt. Ich kann gar nicht sagen, wie stolz mich das macht! 

Der Scharmützelsee ist traumhaft, wunderschöne Wälder, mit einem sehr hübsch herausgeputzten Kurort, und ihn zu umkreisen war eine ganz tolle Sache. Ich weiß nun, dass diese Strecken für mich kein Problem sind, auch wenn ich evtl. meine Verpflegung optimieren muss. Ich vermute aber eher, dass der Einbruch kam, weil mein Kopf mir sagte, dass ich noch nie so weit gelaufen bin. Laufen ist halt doch Kopfsache. 

Ach ja: die Massage, die Bio-Sauna und der Entspannungspool im Hotel haben den Tag rund gemacht! Heute, einen Tag später und wieder zu Hause drückt und zwickt nichts, mir geht es prima. Ich habe Lust, laufen zu gehen.

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