Ein Berglauf ist wie DFB-Pokal

Ein Berglauf ist wie DFB-Pokal, der hat nämlich seine eigenen Gesetze.  Der 1. Brunsberglauf in Holm-Seppensen ist sicherlich eine neue Errungenschaft unter den Volksläufen im Landkreis Harburg und wird sich da auch langfristig etablieren, da bin ich sicher. Achtung Kultgefahr!

Der Brunsberg ist 129m hoch. Ja, bei uns in Norddeutschland ist das ein vollwertiger Berg. Die Steigung kurz vor dem höchsten Punkt der Strecke sollte 10% betragen. Der Start wurde in den letzten Wochen aufgrund der großen Resonanz und den vielen Voranmeldungen mehrfach verschoben. 11:05h sollte Start sein, eine perfekte Zeit für mich! Um 8 Uhr aufstehen, um 9 fertig mit Frühstück (zwei Tassen Kaffee, ein Ei, ein Brötchen mit Honig), um 9:15h im Auto. Kurz vor 10 Uhr traf ich ein und konnte problemlos nachmelden.

Die Organisation war noch etwas holprig, aber mit etwas Durchfragen hatte ich dann auch WC und Kleiderbeutel-Abgabe gefunden. Nach etwas Einlaufen und Warten stand ich dann im Startbereich. Etwa 300 Teilnehmer schätze ich.

Ich hatte mir die Strecke auf gpsies.com angeschaut: die ersten 3km flach, dann der Anstieg zum Brunsberg, dessen Gipfel bei 5,5km erreicht wird, dann 6km mehr oder weniger bergab. Für einen 10km Lauf sah mein Trainingsplan eine Pace von 5:17 bis 5:23 vor. Ich wollte versuchen, innerhalb dieser Zeit zu bleiben – trotz der Höhenmeter. Meine Strategie hatte ich mir daher wie folgt zurechtgelegt: die ersten drei flachen km wollte ich schneller als geplant angehen, in etwa mit 5:10. Dann „irgendwie den Berg hoch“, dabei hoffen, dass die Pace nicht zu sehr leidet und nach dem Gipfel bergab rennen, was das Zeug hält.

Kurz nach dem Start ist es schwierig, auf der schmalen Strecke das gewünschte Tempo zu laufen. Den ersten km laufe ich in 5:20. Schnell, aber nicht so schnell wie ich wollte. Ich gebe Gas, langsam rüttelt sich das Feld auch zurecht, jeder läuft jetzt in etwa sein Wettkampftempo. Ich schaue auf die Uhr: 5:02! Wow. Noch tut das Tempo etwas weh, es geht jetzt auch schon leicht bergauf. Der dritte km ist vorbei: 5:24. Ok, alles in allem kann ich mit den ersten Kilometern zufrieden sein. Jetzt geht es über Waldwege mit teilweise doch recht großen Wurzeln bergauf zum Brunsberg. Ich schnaufe wie eine Lokomotive. Vor mir ein Läufer, der mich sehr stark an einen Laufbericht von Frau Schmitt (www.laufenmitfrauschmitt.de) erinnert. Er röchelt, schnieft, rotzt und hustet in einer Tour. Dummerweise läuft er mein Tempo. Irgendwann reicht es mir und ich ziehe an ihm vorbei (er holte mich auch nicht mehr ein). Vor mir jetzt eine junge Frau mit Deutschlandtrikot, an die ich mich hefte. Die Durchgangszeit für Kilometer 4 liegt bei 5:39, für Kilometer 5 sogar 6:28. Dass ich soviel an Tempo einbüßen würde, habe ich nicht vermutet. Aber es geht nicht schneller, mein Puls rast sicherlich jenseits der 170 Schläge/min. (ich habe ihn bewusst nicht auf meinem Display).

Dann kann man sehen, dass einige schon auf dem „Abstieg“ sind. Es ist also nicht mehr weit zum Gipfel. Dann der letzte Anstieg. Mörderisch. Ich habe mich sehr verausgabt und… ja, ich fange an zu gehen! Jetzt, wo ich das schreibe, könnte ich mich totärgern, aber so war es nunmal. Kurz vor dem Gipfel laufe ich dann doch wieder los und erhalte von der Vorjahres-Heidekönigin einen Becher Wasser als Lohn. Übrigens: die aktuelle Heidekönigin konnte dieses Amt nicht übernehmen, weil sie nämlich selbst mitgelaufen ist – und nebenbei die Damenkonkurrenz LOCKER gewonnen hat.

Jetzt kommt das, worauf sich alle gefreut hatten: es geht praktisch nur noch bergab. Alle geben Gas, bei mir läuft es wieder ganz fabelhaft. Apropos Fabel: nach der durch den Anstieg zum Gipfel eher schlechten 6:04 für Kilometer 6 folgen Fabelzeiten (zumindest für mich), während ich bergab versuche, verlorene Zeit wieder gutzumachen: 4:56 (YES!), 5:03, 4:58 und nochmal 4:58 für den zehnten Kilometer. Durchgangszeit bei 10 km: 53:52. Schlagartig wird mir klar, dass ich mein Ziel, nämlich unter einer Stunde zu bleiben, nicht erreichen werde. Ich laufe nun alleine, denn wie ich an einer engen Kurve sehen kann sind hinter mir bestimmt 50m bis zum Nächsten. Vor mir schätze ich die Entfernung etwa gleich ein. Jetzt ist die Strecke auch wieder flacher, km 11 geht mit 5:20 vorbei. Jetzt habe ich nur noch ein Ziel: nicht mehr überholt werden. Das klappt gut, ein letztes Mal mit Polizeiunterstützung die Hauptstraße überquert, und auf die letzte Gerade vor dem Sportplatz. Ich überhole einen gehenden Teilnehmer und rufe ihm zu „auf geht’s, gleich geschafft!“. Zu meiner Überraschung läuft er tatsächlich wieder an. Schnell fällt er jedoch ab, nur um zehn Sekunden später wie ein Bekloppter an mir vorbeizuziehen. Nein nein, ich wollte nicht überholt werden! Ich strecke die Hüfte nach vorne, verstärke die Armarbeit und tatsächlich, ich werde nochmal schneller. Das gibt ihm dann den Rest und er lässt mich ziehen. Auf dem Sportplatz dann noch elende 300m (wie ich diese Zieleinläufe hasse) und dann ist es geschafft! Nach 1:01:20 drücke ich den Start/Stop Knopf und lese, dass mein Forerunner der Meinung ist, es wäre über 11,5km gegangen. Egal. Ich bin super zufrieden und genieße den Rest der Veranstaltung: sechs Becher Wasser, einen mit Magnesiumgetränk, Kleiderbeutel holen, Trainingsanzug an, Kuchen essen (lecker), der Siegerehrung bis fast zum Schluss beiwohnen (warum gehen nur so viele nach Hause? In diesem Fall der Gesamtdritte!) und dann nach einem Becher Kaffee glücklich aber platt nach Hause zu fahren.

Brunsberg, nächstes Jahr bist du reif! Dann knacke ich die Stunde! Aber Bergläufe haben ihre eigenen Gesetze. Ein Kindergeburtstag war das jedenfalls nicht!

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