da lang

Zwei Marathons und tolle Leute

Jetzt war es also wieder soweit. Der zweite 24-Stundenlauf des TuS Fleestedt stand an. Die Voraussetzungen waren natürlich anders als vor zwei Jahren. Ich hatte deutlich weniger trainiert, weniger „Kilometer gemacht“ und war ca. 2 kg schwerer als 2011. Ich hatte aber einen großen Vorteil: ich wusste, was auf mich zukommt.

Natürlich möchte man als ehrgeiziger Läufer so viele Runden wie möglich schaffen. Ich wusste aber eben, dass die im Vorfeld im Lauftreff (und sogar auf Facebook) kolportierten 100 km Ansagen für mich auf keinen Fall zutreffen würden. Naja, „auf keinen Fall“, so richtig weiß man natürlich nicht, was passieren wird, wie man drauf ist, was so geht – oder eben nicht geht.

nicht mal mehr 24 Stunden!
nicht mal mehr 24 Stunden!

Mein Ziel war recht einfach zu definieren: selbstverständlich wollte ich nicht weniger laufen als letztes Mal, und da hatte ich lange Zeit nur rumgesessen, weil ich frisch für die Staffel sein wollte. Viel mehr würde ich allerdings auch nicht laufen können, eben wegen der fehlenden Laufumfänge im Vorfeld. Letztes Mal bin ich 49 Runden gelaufen, da hört sich 50 natürlich viel besser an! Außerdem haben 50 Runden den netten Nebeneffekt, dass 84,97 km zusammen kommen, also etwas mehr als zwei Marathons!

kurz nach dem Start
kurz nach dem Start

Diesmal lief ich auch, anders als vor zwei Jahren, direkt mit dem Startschuss los. Das letzte Mal schonte ich mich ja für die Staffel, bei der ich erst am frühen Abend dran war. Ich wählte ein sehr langsames Tempo um 7:00 min./km und langsamer und schaffte so 15 Runden, also 25,5 km, noch recht locker. Ich nutzte die Pause, um Nudeln mit Bolognaise-Sauce zu essen, und meinem Magen etwas Zeit zu geben, das Essen zu verdauen. Glücklicherweise hatte ich auch dieses Mal absolut keine Probleme mit der Nahrungsaufnahme bzw. deren Folgen. Ich aß und trank fast jede Runde, was mir so in die Finger kam: Gummibärchen, Salzstangen, Müsliriegel, Apfel (geschätzte 50 Stück), Banane, Eistee, Wasser, Apfelschorle, Kaffee, Zitronentee und was weiß ich noch alles. Bis auf gelegentliches Seitenstechen, was aber nur von kurzer Dauer war, hatte ich keinerlei Beschwerden.

Nach einem Schuhwechsel (meine Nikes verursachten mir schon wieder eine Blase am großen Zeh, was ich sonst eigentlich gar nicht kenne) lief ich durch, bis ich 25 Runden, also 42,49 km und damit etwas mehr als einen Marathon auf der Uhr hatte. Ich fühlte mich gut und so reifte der Plan, noch bis ca. 1:00h durchzulaufen, und dann zum Schlafen nach Hause zu fahren. Durchmachen wollte ich dann doch nicht. Realistisch waren somit 50 km bis zur Schlafpause, und genau die hatte ich auch erreicht, als ich nach Hause fuhr. In meiner Altersklasse lag ich auf Platz 14.

Ich duschte, konnte auch tatsächlich 3-4 Stunden schlafen, und stand wieder auf. Leider hatte ich meine Beine vergessen, die waren nicht mit aus dem Bett gekommen. Wie auf Eiern schwankte ich durch die Gegend, bis ich meine Kompressionssocken angezogen hattee, danach konnte ich (fast) völlig problemlos gehen. Faszinierend. Das Anlaufen auf der Strecke fiel mir anfangs noch schwer, später ging’s aber wieder mit der sehr langsamen Pace von etwa 7:30 – 7:50 min./km. Jetzt lief ich mit dem dritten Paar Schuhe, in dem ich aber schnell bemerkte, dass sich da Blasen an den Fersen breitmachen wollten. So wechselte ich wieder auf die Asics 1160 zurück.

Immer wieder lief ich auf Leute auf, die gingen, und bei manchen hing ich mich einfach dran, um ein paar Worte zu wechseln. Ausnahmslos alle waren sehr nett, man hatte sofort ein gewisses Gemeinschaftsgefühl entwickelt und sprach über die Veranstaltung, das Laufen an sich, die Wehwehchen, die man so hat und mal hatte, und freute sich darüber, Leute kennenzulernen, die mindestens genauso bekloppt sind, wie man selbst.

Horst Preisler beim Empfang der Startunterlagen
Horst Preisler beim Empfang der Startunterlagen

Auf diese Weise hatte ich das große Vergnügen, eine Runde mit Horst Preisler zurückzulegen, der als erster Mensch überhaupt über 1.000 Marathons und Ultramarathons absolvierte (mittlerweile sind es weit über 1.800, darunter ALLE jemals ausgetragenen Hamburg-Marathons). Mit seinen 78 Jahren blickt er auf ein langes Läuferleben zurück, weshalb er auch einige Anekdoten zum Besten zu geben hatte. Horst, es war mir eine große Ehre, mit Dir zu laufen!

Auch mit dem Titelverteidiger und späteren Sieger Frank Wooßmann legte ich eine Runde zurück, wobei ich erfuhr, dass er gerade einen persönlichen Rekord über 100 Meilen aufgestellt hatte. Am Ende lief Frank über 180 (!) Kilometer und gewann mit 10 km (6 Runden) Vorsprung. Ein sehr symphatischer Ultraläufer, dem in Sachen „Wille“ wohl nur wenige das Wasser reichen können. Das war das, was ich außer der eigenen Freude am Rundensammeln am meisten genossen hatte: die Begegnungen auf der Strecke. So verging nicht nur die Zeit schneller…

Mittlerweile war ich so müde, dass ich viele Runden gehen musste. Schmerzen hatte ich24hLauf_2013-9 keine, mein Ziel schien nach wie vor erreichbar. Zwischenzeitlich war ich mit meinen Töchtern (11 und 9) sowie deren Freundinnen (11 und 8) drei bzw. vier Runden gelaufen, kam dabei aber natürlich nicht hinterher, ich konnte einfach nicht mehr schneller. Alle vier haben dabei ihr Laufabzeichen erhalten und sich über die Gummibären am Ende jeder Runde sowie die Medaille und das Abzeichen sehr gefreut. Kurz nach 14:00h kam dann die Erkenntnis: noch 58 Minuten Zeit für eine Runde, dann wäre mein Ziel erreicht! Diese letzte Runde zog sich und zog sich, ich quälte mich Schritt für Schritt weiter. Ich hatte keine Lust mehr. Der Grund, warum ich dann aber trotzdem noch ein paar Meter lief, ist so banal wie paradox: ich wollte, dass es schneller zu Ende geht. :-)

So kam es, dass ich gegen 14:20h, etwa 45 Minuten vor Ende der Veranstaltung glücklich und völlig fertig meine fünfzigste und letzte Runde beendete. Ich hatte doch tatsächlich 84,97 km zurückgelegt, mehr als zwei Marathons. Am Ende war das der 25. Platz und Platz 10 in meiner Altersklasse. Laut Laufprotokoll war ich etwa 13 Stunden auf der Strecke. Die kompletten Ergebnisse gibt’s hier http://my4.raceresult.com/details/index.php?page=4&eventid=14499&lang=de

Die Regeneration war sensationell: Sonntag konnte ich kaum gehen, stehen, liegen oder sitzen, Montag hatte ich ordentlich Muskelkater in Oberschenkeln und Waden und lediglich ein beunruhigendes starkes Ziehen im linken Spann, was sich Dienstag aber als harmloser Muskelkater am unteren Ende des Schienbeinmuskels herausstellte und am heutigen Mittwoch völlig verschwunden ist.

Morgen geh ich wieder laufen.

meine hübsche Wade
meine hübsche Wade – vor dem Lauf

 

4 Gedanken zu „Zwei Marathons und tolle Leute“

  1. Gleich zweimal gelesen, also gleich Doppelglückwunsch dalassen;)

    Faszinierend finde ich, dass du nach der Schlafpause nochmal so in den Tritt bzw. Fluss gekommen bist. Vielleicht versuche ich das doch auch mal selber. Denn nach dem 6hLauf vor einer Woche tat mir zwar auch nix weh, am nächsten Morgen fühlte sich aber schon das ganze System sehr holperig, zäh und vor allem sehr müde an. Lust hätte ich keine gehabt, nochmal loszukreiseln, gegangen wäre es wohl. Naja, schaunmermal, wie die Bayern zu sagen pflegen …

    Dass du deine Töchter so jung in das sportliche Umfeld mitnimmst und sie damit vertraut, das finde ich klasse.

    1. Lizzy, Doppeldankeschön! Ja, das Wiederanlaufen war in der Tat spannend zu beobachten. Es ist echt erstaunlich, was man so laufen kann, wenn man das einfach häufiger mal tut…

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