Wie zerstöre ich am besten meine Form?

„Wie zerstöre ich am besten meine Form?“ fragt Peter Greif in seinem heutigen Newsletter. Ohne den Text dazu gelesen zu haben, bewog mich das, nach ziemlich genau einem Jahr, hier mal wieder was zu posten.

Meine Erklärung für meine mittlerweile praktisch nicht mehr vorhandene Form ist eigentlich schnell ausgeführt: es ist ein Rückfall in alte Zeiten, was Ernährung, Motivation und leider auch Trainingsumfang angeht.

Angefangen hat alles ziemlich genau vor einem Jahr, kurz nach meinem letzten Posting. Mein Plan war ja, mich für den Marathon in Kopenhagen vorzubereiten. Das Wintertraining lief super, ich habe ordentlich Kilometer in ruhigem Tempo gemacht, bei Wind und Wetter, komme was da wolle. Zumindest ist das meine Erinnerung an den Winter 2011/2012.

Ende Januar, Anfang Februar stieg ich dann ins Marathontraining ein, und die ersten 30km Läufe standen schnell auf dem Plan. Die ersten beiden, darunter der bei Klaus’ Geburtstag liefen recht gut, beim Dritten bin ich dann eingebrochen. Ich weiß nicht warum, aber das hat in mir eine solche Demotivation ausgelöst, dass ich im Grunde stante pede den Marathon aufgab, und stattdessen plante, in Kopenhagen nur Halbmarathon zu laufen. Das passte mir auch gut in den Kram, da mein Freund Frank dort seinen ersten „Halben“ laufen wollte. So würde ich ihn begleiten, selbstverständlich dabei ein für mich gemütliches Tempo laufen, und einfach nur Spaß haben.

Das teilte ich Frank dann auch gleich mit, um von ihm zu erfahren, dass er seine Ambitionen ebenfalls um 21,1 km reduziert hatte: er hatte das Vorhaben nämlich komplett aufgegeben. Sicherlich kann man sich denken, dass das nicht weiter zu meiner Motivation beitrug. Im Gegenteil: ich beschloss augenblicklich, den Start um ein Jahr zu verschieben (das geht in Kopenhagen kostenlos bis drei Wochen vor dem Start!). Somit war ich auf einmal auch mein enges Marathon-Trainingsplan-Korsett los! Toll! Keine Verpflichtung mehr! Zumindest bis zum Bremen-Marathon Anfang Oktober, für den ich ja auch schon gemeldet hatte. Da ich Dienstags meistens noch ein langes Meeting hatte, nahm ich auch immer seltener am Lauftreff teil. Somit war ich befreit von allen Zwängen! Noch toller! Nein, natürlich nicht. Denn, was nun passierte, war logisch: die Laufumfänge wurden weniger. So nach und nach.

Immer dann, wenn ich mal wieder versuchte, Tempoläufe zu machen, von denen ich eigentlich vorher hätte wissen müssen, dass sie für mich mittlerweile zu hart waren, gab das einen weiteren Motivationsknick, was wiederum verringerte Trainingsumfänge zur Folge hatte. Parallel nahm ich auch wieder zu – bekanntermaßen auch nicht förderlich für’s Laufen. Die Meldung für Bremen hatte ich mittlerweile schon auf Halbmarathon ändern lassen; die Zielzeit passte ich immer wieder an.

Dann passierte etwas interessantes, was man als Esoteriker vermutlich als Schutzreaktion oder unterstützende Reaktion meines Körpers deuten würde: ich bekam eine Schulterversteifung. Das muss man sich so vorstellen, dass die Schulter zuerst immer mal wieder weh tut. Dann ignoriert man das, dann schmerzt sie mehr und häufiger – aber nur bei „extremen“ Bewegungen, wie z.B. beim Hemd hinten in die Hose stecken. Beim Laufen merkte ich das Anfangs nur wenig, später waren schnelle Läufe mit Armeinsatz praktisch nicht mehr möglich.

Als Zielzeit für Bremen hatte ich 1:57:00 vorgesehen. Eine Bestzeit zu laufen, war völlig utopisch, daher konnte ich ja auch eine Zeit laufen, die ich mehr oder weniger „locker“ laufen könnte. Aufgrund meiner Trainingsergebnisse war die Zeit problemlos machbar, etwas mehr wäre sicherlich auch drin gewesen. Am Ende lief ich 1:57:30 und fand es eigentlich toll. Eigentlich. Geändert hat das jedoch nichts.

Nach mehreren Monaten suchte endlich ich meinen Orthopäden auf, der meine Schulter als „Frozen Shoulder“ diagnostizierte. Hierbei verklebt die Kapsel im Schultergelenk mit den sie umgebenden Fasern, entzündet sich, und führt bei Bewegung zu Schmerzen. Durch die Bewegungseinschränkung verklebt sie noch mehr, man schont sie noch mehr, sie verklebt weiter, und so gerät man in eine Spirale, die die Schulter am Ende völlig steif machen kann. Bei mir war weder nach vorne (wenn man auf eine Sache vor sich zeigt) 90° erreichbar, noch zur Seite (Schutzmann zeigt rot). Selbstverständlich war ich viel zu spät zum Arzt gegangen. Was dann folgte war eine halbherzige Physiotherapie, zwei Cortison-Spritzen, von denen zumindest eine völlig falsch gesetzt wurde, ein MRT, sowie nach nur vier Wochen die Aussage „dann müssen wir operieren“. „Operation“ bedeutete in dem Zusammenhang: Vollnarkose, komplettes Dehnen der Schulter inkl. Zerstören der verklebten Strukturen, plus natürlich die normalen Risiken bei einer Operation. Ich bedankte mich höflich und suchte einen anderen Arzt auf, der eine Operation als absolut letztes Mittel ansah, dem Kollegen – ohne es tatsächlich auszusprechen – jegliche Fachkompetenz absprach, sowie meiner Schulter „Bewegung, Bewegung, Bewegung“ verordnete. Im Klartext heißt das: weitere Physiotherapie. Auf Monate. Es kann ein Jahr dauern, bis die Schulter wieder voll beweglich ist.

Heute habe ich knapp 25 Sitzungen hinter mir und bin nach vorne wieder bei über 90°. Als Schutzmann an der Kreuzung würde ich allerdings immer noch nicht taugen. Mittlerweile bin ich bei maximal einmal die Woche laufen angekommen. Im Februar habe ich bisher etwas mehr als 20 km geschafft. Es fällt mir nach wie vor nicht schwer, mehr als 10 km zu laufen, die Ausdauer ist also einigermaßen vorhanden. An Tempo habe ich allerdings stark eingebüßt.

Ich vermute, retrospektiv betrachtet, dass ich einfach eine Auszeit brauchte. Eingestehen konnte ich mir das nicht wirklich. Durch selbst auferlegte Zwänge wie ständig neue Wettkämpfe, zugehörige Trainingspläne und auch den Lauftreff, hielt ich mich ständig auf einem hohen Level, dass ich nicht in der Lage war, wieder zu verlassen. Nun ja, ich habe es verlassen. Die alten Hasen unter Euch (ach ja: seid Ihr überhaupt noch da?) werden abwinken, schmunzeln und sagen „kenn ich, passiert jedem, nimm dich nicht so wichtig“.

Während ich das schreibe, realisiere ich, dass ich wieder Lust auf’s Laufen bekomme. Mal sehen, vielleicht gehe ich nachher noch los. Ich verbringe momentan viel Zeit in der Bahn (etwa 3-4h pro Tag, so schreibe ich z.B. auch diesen Beitrag im Zug) und habe wenig Freizeit. Wenn ich diese dann tatsächlich wieder zum Laufen nutzen sollte – dann bin ich „back on track“.

So, und jetzt lese ich mal, was Peter Greif zum Titelthema zu sagen hat. Der angesprochene Formverlust wird sich vermutlich auf einem anderen Leistungsniveau abspielen 😉

4 Gedanken zu „Wie zerstöre ich am besten meine Form?“

  1. (ach ja: seid Ihr überhaupt noch da?)

    Aber selbstverständlich :-)
    Und ich sage „kenn ich, passiert jedem, nimm dich SEHR wichtig“

    Ich wünsche dir sehr dass deine alte Lauflust wiederkommt ( scheint ja schon der Fall zu sein) und du die Schulter wieder kraftvoll einsetzen kannst!

    Viele Grüße

    Ulli

  2. Na klar sind wir alle noch da!

    Naja, so wie nach jedem Berg auch wieder ein Tal kommt und nach jedem Regen auch wieder die Sonne, so kommt nach Frust, Krankheit und ähnliches auch wieder die Lust, bei Gesundheit etwas schönes zu tun.

    So wie ich Dich kenne bist Du bald wieder am Rennen. …

    ABER evt. sollte ein Neustart nicht mehr eine Jagt nach Wettkämpfen werden. Stell Dir doch mal vor, Dich nur auf ein oder zwei Läufe pro Jahr vorzubereiten…..

    Viele liebe Grüße

    Stefan

    1. Du hast Recht, Stefan. Genau das habe ich geplant. Einen Wettkampf als Ziel, möglichst noch vor dem 24h-Lauf. Alles andere kommt schon wieder.
      VG
      Steffen

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